Seite - 600 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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die einzelnen Teilstücke des auffallend weißen Zahnes sondert und mit einem Instrument
zermalmt (pulverisiert), daß das mit der Pubertät zusammenhängt und daß die Zähne nur vor der
Pubertät so leicht herausgehen; bei Frauen sei das hiefür entscheidende Moment die Geburt
eines Kindes.‹
›Ich merke dann (wie ich glaube im Halbschlaf), daß dieser Traum von einer Pollution begleitet
war, die ich aber nicht mit Sicherheit an eine bestimmte Stelle des Traumes einzureihen weiß; am
ehesten scheint sie mir noch beim Herausziehen des Zahnes eingetreten zu sein.‹
›Ich träume dann weiter einen mir nicht mehr erinnerlichen Vorgang, der damit abschloß, daß
ich, Hut und Rock in der Hoffnung, man werde mir die Kleidungsstücke nachbringen, irgendwo
(möglicherweise in der Garderobe des Zahnarztes) zurücklassend und bloß mit dem Überrock
bekleidet, mich beeilte, einen abgehenden Zug noch zu erreichen. Es gelang mir auch im letzten
Moment, auf den rückwärtigen Waggon aufzuspringen, wo bereits jemand stand. Ich konnte
jedoch nicht mehr in das Innere des Wagens gelangen, sondern mußte in einer unbequemen
Stellung, aus der ich mich mit schließlichem Erfolg zu befreien versuchte, die Reise mitmachen.
Wir fahren durch einen großen Tunnel, wobei in der Gegenrichtung zwei Züge wie durch unseren
Zug hindurchfahren, als ob dieser der Tunnel wäre. Ich schaue wie von außen durch ein
Waggonfenster hinein.‹
›Als Material zu einer Deutung dieses Traumes ergeben sich folgende Erlebnisse und Gedanken
des Vortages:
I. Ich stehe tatsächlich seit kurzem in zahnärztlicher Behandlung und habe zur Zeit des Traumes
kontinuierlich Schmerzen in dem Zahn des Unterkiefers, der im Traume angebohrt wird und an
dem der Arzt auch in Wirklichkeit schon länger herumarbeitet, als mir lieb ist. Am Vormittag des
Traumtages war ich neuerlich wegen der Schmerzen beim Arzt gewesen, der mir nahegelegt
hatte, einen anderen als den behandelten Zahn im selben Kiefer ziehen zu lassen, von dem
wahrscheinlich der Schmerz herrühren dürfte. Es handelte sich um einen eben durchbrechenden
›Weisheitszahn‹. Ich hatte bei der Gelegenheit auch eine darauf bezügliche Frage an sein
ärztliches Gewissen gestellt.‹
›II. Am Nachmittag desselben Tages war ich genötigt, einer Dame gegenüber meine üble Laune
mit den Zahnschmerzen entschuldigen zu müssen, worauf sie mir erzählte, sie habe Furcht, sich
eine Wurzel ziehen zu lassen, deren Krone fast gänzlich abgebröckelt sei. Sie meinte, das Ziehen
wäre bei den Augenzähnen besonders schmerzhaft und gefährlich, obwohl ihr andererseits eine
Bekannte gesagt habe, daß es bei den Zähnen des Oberkiefers (um einen solchen handelte es sich
bei ihr) leichter gehe. Diese Bekannte habe ihr auch erzählt, ihr sei einmal in der Narkose ein
falscher Zahn gezogen worden, eine Mitteilung, welche ihre Scheu vor der notwendigen
Operation nur vermehrt habe. Sie fragte mich dann, ob unter Augenzähnen Backen- oder
Eckzähne zu verstehen seien und was über diese bekannt sei. Ich machte sie einerseits auf den
abergläubischen Einschlag in all diesen Meinungen aufmerksam, ohne jedoch die Betonung des
richtigen Kernes mancher volkstümlichen Anschauungen zu versäumen. Sie weiß darauf von
einem ihrer Erfahrung nach sehr alten und allgemein bekannten Volksglauben zu berichten, der
behauptet: Wenn eine Schwangere Zahnschmerzen hat, so bekommt sie einen Buben.‹
›III. Dieses Sprichwort interessierte mich mit Rücksicht auf die von Freud in seiner
Traumdeutung (2. Aufl., S. 193 f.) mitgeteilte typische Bedeutung der Zahnreizträume als
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin