Seite - 603 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Fliegen, Fallen, Schwindel u. dgl. wiederholen, dessen Lustgefühle jetzt in Angst verkehrt sind.
Wie aber jede Mutter weiß, ist auch das Hetzen der Kinder in Wirklichkeit häufig genug in Zwist
und Weinen ausgegangen.
Ich habe also guten Grund, die Erklärung abzulehnen, daß der Zustand unserer Hautgefühle
während des Schlafes, die Sensationen von der Bewegung unserer Lungen u. dgl. die Träume
vom Fliegen und Fallen hervorrufen. Ich sehe, daß diese Sensationen selbst aus der Erinnerung
reproduziert sind, auf welche der Traum sich bezieht, daß sie also Trauminhalt sind und nicht
Traumquellen[166].
Dieses gleichartige und aus der nämlichen Quelle stammende Material von
Bewegungsempfindungen wird nun zur Darstellung der allermannigfaltigsten Traumgedanken
verwendet. Die meist lustbetonten Träume vom Fliegen oder Schweben erfordern die
verschiedensten Deutungen, ganz spezielle bei einigen Personen, Deutungen von selbst typischer
Natur bei anderen. Eine meiner Patientinnen pflegte sehr häufig zu träumen, daß sie über die
Straße in einer gewissen Höhe schwebe, ohne den Boden zu berühren. Sie war sehr klein
gewachsen und scheute jede Beschmutzung, die der Verkehr mit Menschen mit sich bringt. Ihr
Schwebetraum erfüllte ihr beide Wünsche, indem er ihre Füße vom Erdboden abhob und ihr
Haupt in höhere Regionen ragen ließ. Bei anderen Träumerinnen hatte der Fliegetraum die
Bedeutung der Sehnsucht: Wenn ich ein Vöglein wär’; andere wurden so nächtlicherweise zu
Engeln, in der Entbehrung, bei Tage so genannt zu werden. Die nahe Verbindung des Fliegens
mit der Vorstellung des Vogels macht es verständlich, daß der Fliegetraum bei Männern meist
eine grobsinnliche Bedeutung hat. Wir werden uns auch nicht verwundern zu hören, daß dieser
oder jener Träumer jedesmal sehr stolz auf sein Fliegenkönnen ist.
Dr. Paul Federn (Wien) hat die bestechende Vermutung ausgesprochen, daß ein guter Teil dieser
Fliegeträume Erektionsträume sind, da das merkwürdige und die menschliche Phantasie
unausgesetzt beschäftigende Phänomen der Erektion als Aufhebung der Schwerkraft imponieren
muß. (Vgl. hiezu die geflügelten Phallen der Antike.)
Es ist bemerkenswert, daß der nüchterne und eigentlich jeder Deutung abgeneigte
Traumexperimentator Mourly Vold gleichfalls die erotische Deutung der
Fliege-(Schwebe-)Träume vertritt (1910–12, Bd. 2, 791). Er nennt die Erotik das »wichtigste
Motiv zum Schwebetraum«, beruft sich auf das starke Vibrationsgefühl im Körper, welches diese
Träume begleitet, und auf die häufige Verbindung solcher Träume mit Erektionen oder
Pollutionen.
Die Träume vom Fallen tragen häufiger den Angstcharakter. Ihre Deutung unterliegt bei Frauen
keiner Schwierigkeit, da sie fast regelmäßig die symbolische Verwendung des Fallens
akzeptieren, welches die Nachgiebigkeit gegen eine erotische Versuchung umschreibt. Die
infantilen Quellen des Falltraumes haben wir noch nicht erschöpft; fast alle Kinder sind
gelegentlich gefallen und wurden dann aufgehoben und geliebkost; wenn sie nachts aus dem
Bettchen gefallen waren, von ihrer Pflegeperson in ihr Bett genommen.
Personen, die häufig vom Schwimmen träumen, mit großem Behagen die Wellen teilen usw., sind
gewöhnlich Bettnässer gewesen und wiederholen nun im Traume eine Lust, auf die sie seit langer
Zeit zu verzichten gelernt haben. Zu welcher Darstellung sich die Träume vom Schwimmen
leicht bieten, werden wir bald an dem einen oder dem anderen Beispiele erfahren.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin