Seite - 605 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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bereits an anderer Stelle behauptet und könnten wir durch zahlreiche neue Beispiele erhärten.
Aber auch viele indifferent scheinende Träume, denen man nach keiner Richtung etwas
Besonderes anmerken würde, führen sich nach der Analyse auf unzweifelhaft sexuelle
Wunschregungen oft unerwarteter Art zurück. Wer würde z.
B. bei nachfolgendem Traume einen
sexuellen Wunsch vor der Deutungsarbeit vermuten? Der Träumer erzählt: Zwischen zwei
stattlichen Palästen steht etwas zurücktretend ein kleines Häuschen, dessen Tore geschlossen
sind. Meine Frau führt mich das Stück der Straße bis zu dem Häuschen hin, drückt die Tür ein,
und dann schlüpfe ich rasch und leicht in das Innere eines schräg aufsteigenden Hofes.
Wer einige Übung im Übersetzen von Träumen hat, wird allerdings sofort daran gemahnt
werden, daß das Eindringen in enge Räume, das Öffnen verschlossener Türen zur
gebräuchlichsten sexuellen Symbolik gehört, und wird mit Leichtigkeit in diesem Traume eine
Darstellung eines Koitusversuches von rückwärts (zwischen den beiden stattlichen Hinterbacken
des weiblichen Körpers) finden. Der enge, schräg aufsteigende Gang ist natürlich die Scheide; die
der Frau des Träumers zugeschobene Hilfeleistung nötigt zur Deutung, daß in Wirklichkeit nur
die Rücksicht auf die Ehefrau die Abhaltung von einem solchen Versuche besorgt, und eine
Erkundigung ergibt, daß am Traumtag ein junges Mädchen in den Haushalt des Träumers
eingetreten ist, welches sein Wohlgefallen erregt und ihm den Eindruck gemacht hat, als würde
es sich gegen eine derartige Annäherung nicht zu sehr sträuben. Das kleine Haus zwischen den
zwei Palästen ist von einer Reminiszenz an den Hradschin in Prag hergenommen und weist somit
auf das nämliche aus dieser Stadt stammende Mädchen hin.
Wenn ich gegen Patienten die Häufigkeit des Ödipustraumes, mit der eigenen Mutter
geschlechtlich zu verkehren, betone, so bekomme ich zur Antwort: Ich kann mich an einen
solchen Traum nicht erinnern. Gleich darauf steigt aber die Erinnerung an einen anderen,
unkenntlichen und indifferenten Traum auf, der sich bei dem Betreffenden häufig wiederholt hat,
und die Analyse zeigt, daß dies ein Traum des gleichen Inhalts, nämlich wiederum ein
Ödipustraum ist. Ich kann versichern, daß die verkappten Träume vom Sexualverkehre mit der
Mutter um ein Vielfaches häufiger sind als die aufrichtigen[170].
Es gibt Träume von Landschaften oder Örtlichkeiten, bei denen im Traume noch die Sicherheit
betont wird: Da war ich schon einmal. Dieses »déjà vu« hat aber im Traum eine besondere
Bedeutung. Diese Örtlichkeit ist dann immer das Genitale der Mutter; in der Tat kann man von
keiner anderen mit solcher Sicherheit behaupten, daß man »dort schon einmal war«. Ein einziges
Mal brachte mich ein Zwangsneurotiker durch die Mitteilung eines Traumes in Verlegenheit, in
dem es hieß, er besuche eine Wohnung, in der er schon zweimal gewesen sei. Gerade dieser
Patient hatte mir aber längere Zeit vorher als Begebenheit aus seinem sechsten Lebensjahre
erzählt, er habe damals einmal das Bett der Mutter geteilt und die Gelegenheit dazu mißbraucht,
den Finger ins Genitale der Schlafenden einzuführen.
Einer großen Anzahl von Träumen, die häufig angsterfüllt sind, oft das Passieren von engen
Räumen oder den Aufenthalt im Wasser zum Inhalt haben, liegen Phantasien über das
Intrauterinleben, das Verweilen im Mutterleibe und den Geburtstakt zugrunde. Im folgenden gebe
ich den Traum eines jungen Mannes wieder, der in der Phantasie schon die intrauterine
Gelegenheit zur Belauschung eines Koitus zwischen den Eltern benutzt.
»Er befindet sich in einem tiefen Schacht, in dem ein Fenster ist wie im Semmeringtunnel. Durch
dieses sieht er zuerst leere Landschaft, und dann komponiert er ein Bild hinein, welches dann
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin