Seite - 606 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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auch sofort da ist und die Leere ausfüllt. Das Bild stellt einen Acker dar, der vom Instrument tief
aufgewühlt wird, und die schöne Luft, die Idee der gründlichen Arbeit, die dabei ist, die
blauschwarzen Schollen machen einen schönen Eindruck. Dann kommt er weiter, sieht eine
Pädagogik aufgeschlagen … und wundert sich, daß den sexuellen Gefühlen (des Kindes) darin so
viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, wobei er an mich denken muß.«
Ein schöner Wassertraum einer Patientin, der zu einer besonderen Verwendung in der Kur
gelangte, ist folgender:
In ihrem Sommeraufenthalt am **See stürzt sie sich ins dunkle Wasser, dort, wo sich der blasse
Mond im Wasser spiegelt.
Träume dieser Art sind Geburtsträume; zu ihrer Deutung gelangt man, wenn man die im
manifesten Traume mitgeteilte Tatsache umkehrt, also anstatt: sich ins Wasser stürzen – aus dem
Wasser herauskommen, d. h.: geboren werden[171]. Die Lokalität, aus der man geboren wird,
erkennt man, wenn man an den mutwilligen Sinn von »la lune« im Französischen denkt. Der
blasse Mond ist dann der weiße Popo, aus dem das Kind hergekommen zu sein bald errät. Was
soll es nun heißen, daß die Patientin sich wünscht, in ihrem Sommeraufenthalt »geboren zu
werden«? Ich befrage die Träumerin, die ohne zu zögern antwortet: Bin ich nicht durch die Kur
wie neugeboren? So wird dieser Traum zur Einladung, die Behandlung an jenem Sommerorte
fortzusetzen, d.
h. sie dort zu besuchen; er enthält vielleicht auch eine ganz schüchterne
Andeutung des Wunsches, selbst Mutter zu werden[172].
Einen anderen Geburtstraum entnehme ich samt seiner Deutung einer Arbeit von E. Jones: »Sie
stand am Meeresufer und beaufsichtigte einen kleinen Knaben, welcher der ihrige zu sein schien,
während er ins Wasser watete. Dies tat er so weit, bis das Wasser ihn bedeckte, so daß sie nur
noch seinen Kopf sehen konnte, wie er sich an der Oberfläche auf und nieder bewegte. Die Szene
verwandelte sich dann in die gefüllte Halle eines Hotels. Ihr Gatte verließ sie, und sie trat in ein
Gespräch mit einem Fremden.
Die zweite Hälfte des Traumes enthüllte sich ohne weiteres bei der Analyse als Darstellung
einer Flucht von ihrem Gatten und Anknüpfung intimer Beziehungen zu einer dritten Person. Der
erste Teil des Traumes war eine offenkundige Geburtsphantasie. In den Träumen wie in der
Mythologie wird die Entbindung eines Kindes aus dem Fruchtwasser gewöhnlich mittels
Umkehrung als Eintritt des Kindes ins Wasser dargestellt; neben vielen anderen bieten die Geburt
des Adonis, Osiris, Moses und Bacchus gut bekannte Beispiele hiefür. Das Auf- und
Niedertauchen des Kopfes im Wasser erinnert die Patientin sogleich an die Empfindung der
Kindesbewegungen, welche sie während ihrer einzigen Schwangerschaft kennengelernt hatte.
Der Gedanke an den ins Wasser steigenden Knaben erweckt eine Träumerei, in welcher sie sich
selbst sah, wie sie ihn aus dem Wasser herauszog, ihn in die Kinderstube führte, ihn wusch und
kleidete und schließlich in ihr Haus führte.
Die zweite Hälfte des Traumes stellt also Gedanken dar, welche das Fortlaufen betreffen, das zu
der ersten Hälfte der verborgenen Traumgedanken in Beziehung steht; die erste Hälfte des
Traumes entspricht dem latenten Inhalt der zweiten Hälfte, der Geburtsphantasie. Außer der
früher erwähnten Umkehrung greifen weitere Umkehrungen in jeder Hälfte des Traumes Platz. In
der ersten Hälfte geht das Kind in das Wasser und dann baumelt sein Kopf; in den
zugrundeliegenden Traumgedanken tauchen erst die Kindesbewegungen auf, und dann verläßt
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin