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Beispiele – Rechnen und Reden im Traum
Ehe ich nun das vierte der die Traumbildung beherrschenden Momente an die ihm gebührende
Stelle setze, will ich aus meiner Traumsammlung einige Beispiele heranziehen, welche teils das
Zusammenwirken der drei uns bekannten Momente erläutern, teils Beweise für frei hingestellte
Behauptungen nachtragen oder unabweisbare Folgerungen aus ihnen ausführen können. Es ist
mir ja in der vorstehenden Darstellung der Traumarbeit recht schwer geworden, meine
Ergebnisse an Beispielen zu erweisen. Die Beispiele für die einzelnen Sätze sind nur im
Zusammenhang einer Traumdeutung beweiskräftig; aus dem Zusammenhang gerissen, büßen sie
ihre Schönheit ein, und eine auch nur wenig vertiefte Traumdeutung wird bald so umfangreich,
daß sie den Faden der Erörterung, zu deren Illustrierung sie dienen soll, verlieren läßt. Dieses
technische Motiv mag entschuldigen, wenn ich nun allerlei aneinanderreihe, was nur durch die
Beziehung auf den Text des vorstehenden Abschnittes zusammengehalten wird.
Zunächst einige Beispiele von besonders eigentümlichen oder von ungewöhnlichen
Darstellungsweisen im Traume. Im Traume einer Dame heißt es: Ein Stubenmädchen steht auf
der Leiter wie zum Fensterputzen und hat einen Schimpansen und eine Gorillakatze (später
korrigiert: Angorakatze) bei sich. Sie wirft die Tiere auf die Träumerin; der Schimpanse schmiegt
sich an die letztere an, und das ist sehr ekelhaft. Dieser Traum hat seinen Zweck durch ein höchst
einfaches Mittel erreicht, indem er nämlich eine Redensart wörtlich nahm und nach ihrem
Wortlaute darstellte. »Affe« wie Tiernamen überhaupt sind Schimpfwörter, und die
Traumsituation besagt nichts anderes als »mit Schimpfworten um sich werfen«. Diese selbe
Sammlung wird alsbald weitere Beispiele für die Anwendung dieses einfachen Kunstgriffes bei
der Traumarbeit bringen.
Ganz ähnlich verfährt ein anderer Traum: Eine Frau mit einem Kind, das einen auffällig
mißbildeten Schädel hat; von diesem Kinde hat sie gehört, daß es durch die Lage im Mutterleibe
so geworden. Man könnte den Schädel, sagt der Arzt, durch Kompression in eine bessere Form
bringen, allein das würde dem Gehirn schaden. Sie denkt, da es ein Bub ist, schadet es ihm
weniger. – Dieser Traum enthält die plastische Darstellung des abstrakten Begriffs:
»Kindereindrücke«, den die Träumerin in den Erklärungen zur Kur gehört hat.
Einen etwas anderen Weg schlägt die Traumarbeit im folgenden Beispiel ein. Der Traum enthält
die Erinnerung an einen Ausflug zum Hilmteich bei Graz: Es ist ein schreckliches Wetter
draußen; ein armseliges Hotel, von den Wänden tropft das Wasser, die Betten sind feucht.
(Letzteres Stück des Inhalts ist minder direkt im Traum, als ich es bringe.) Der Traum bedeutet
»überflüssig«. Das Abstraktum, das sich in den Traumgedanken fand, ist zunächst etwas
gewaltsam äquivok gemacht worden, etwa durch »überfließend« ersetzt oder durch »flüssig und
überflüssig«, und dann durch eine Häufung gleichartiger Eindrücke zur Darstellung gebracht.
Wasser draußen, Wasser innen an den Wänden, Wasser als Feuchtigkeit in den Betten, alles
flüssig und »über«-flüssig. Daß zu Zwecken der Darstellung im Traume die Orthographie weit
hinter dem Wortklang zurücktritt, wird uns nicht gerade wundernehmen, wenn sich z.
B. der
Reim ähnliche Freiheiten gestatten darf. In einem weitläufigen von Rank mitgeteilten und sehr
eingehend analysierten Traum eines jungen Mädchens wird erzählt, daß sie zwischen Feldern
spazierengeht, wo sie schöne Gerste- und Kornähren abschneidet. Ein Jugendfreund kommt ihr
entgegen, und sie will es vermeiden, ihn anzutreffen. Die Analyse zeigt, daß es sich um einen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin