Seite - 610 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Kuß in Ehren handelt (1910, 482). Die Ähren, die nicht abgerissen, sondern abgeschnitten
werden sollen, dienen in diesem Traum als solche und in ihrer Verdichtung mit Ehre, Ehrungen
zur Darstellung einer ganzen Reihe von anderen Gedanken.
Dafür hat die Sprache in anderen Fällen dem Traume die Darstellung seiner Gedanken sehr leicht
gemacht, da sie über eine ganze Reihe von Worten verfügt, die ursprünglich bildlich und konkret
gemeint waren und gegenwärtig im abgeblaßten, abstrakten Sinne gebraucht werden. Der Traum
braucht diesen Worten nur ihre frühere volle Bedeutung wiederzugeben oder in dem
Bedeutungswandel des Wortes ein Stück weit herabzusteigen. Z. B. es träumt jemand, daß sein
Bruder in einem Kasten steckt; bei der Deutungsarbeit ersetzt sich der Kasten durch einen
»Schrank«, und der Traumgedanke lautet nun, daß dieser Bruder sich »einschränken« solle, an
seiner Statt nämlich. Ein anderer Träumer steigt auf einen Berg, von dem aus er eine ganz
außerordentlich weite Aussicht hat. Er identifiziert sich dabei mit einem Bruder, der eine
»Rundschau« herausgibt, welche sich mit den Beziehungen zum fernsten Osten beschäftigt.
In einem Traum des Grünen Heinrich wälzt sich ein übermütiges Pferd im schönsten Hafer, von
dem jedes Korn aber »ein süßer Mandelkern, eine Rosine und ein neuer Pfennig« ist, »zusammen
in rote Seide gewickelt und mit einem Endchen Schweinsborste eingebunden«. Der Dichter (oder
der Träumer) gibt uns sofort die Deutung dieser Traumdarstellung, denn das Pferd fühlt sich
angenehm gekitzelt, so daß es ruft: Der Hafer sticht mich.
Besonders ausgiebigen Gebrauch vom Redensart- und Wortwitztraum macht (nach Henzen) die
altnordische Sagaliteratur, in der sich kaum ein Traumbeispiel ohne Doppelsinn oder Wortspiel
findet.
Es wäre eine besondere Arbeit, solche Darstellungsweisen zu sammeln und nach den ihnen
zugrundeliegenden Prinzipien zu ordnen. Manche dieser Darstellungen sind fast witzig zu
nennen. Man hat den Eindruck, daß man sie niemals selbst erraten hätte, wenn der Träumer sie
nicht mitzuteilen wüßte:
1) Ein Mann träumt, man frage ihn nach einem Namen, an den er sich aber nicht besinnen könne.
Er erklärt selbst, das wolle heißen: Es fällt mir nicht im Traume ein.
2) Eine Patientin erzählt einen Traum, in welchem alle handelnden Personen besonders groß
waren. Das will heißen, setzt sie hinzu, daß es sich um eine Begebenheit aus meiner frühen
Kindheit handeln muß, denn damals sind mir natürlich alle Erwachsenen so ungeheuer groß
erschienen. Ihre eigene Person trat in diesem Trauminhalt nicht auf.
Die Verlegung in die Kindheit wird in anderen Träumen auch anders ausgedrückt, indem Zeit in
Raum übersetzt wird. Man sieht die betreffenden Personen und Szenen wie weit entfernt am Ende
eines langen Weges oder so, als ob man sie mit einem verkehrt gerichteten Opernglas betrachten
würde.
3) Ein im Wachleben zu abstrakter und unbestimmter Ausdrucksweise geneigter Mann, sonst mit
gutem Witz begabt, träumt in gewissem Zusammenhange, daß er auf einen Bahnhof gehe, wie
eben ein Zug ankomme. Dann werde aber der Perron an den stehenden Zug angenähert, also
eine absurde Umkehrung des wirklichen Vorganges. Dieses Detail ist auch nichts anderes als ein
Index, der daran mahnt, daß etwas anderes im Trauminhalt umgekehrt werden solle. Die Analyse
desselben Traumes führt zu Erinnerungen an Bilderbücher, in denen Männer dargestellt waren,
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin