Seite - 615 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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absurdes Element enthalten ist, nämlich daß zwei Personen drei Sitze nehmen sollen. Wir greifen
in die Deutung der Absurdität im Traume über, wenn wir anführen, daß dieses absurde Detail des
Trauminhaltes den meistbetonten der Traumgedanken darstellen soll: Ein Unsinn war es, so früh
zu heiraten. Die in einer ganz nebensächlichen Beziehung der beiden verglichenen Personen
enthaltene 3 (3 Monate Unterschied im Alter) ist dann geschickt zur Produktion des für den
Traum erforderlichen Unsinns verwendet worden. Die Verkleinerung der realen 150 fl. auf
1 fl. 50 entspricht der Geringschätzung des Mannes (oder Schatzes) in den unterdrückten
Gedanken der Träumerin.
III
Ein anderes Beispiel führt uns die Rechenkunst des Traumes vor, die ihm soviel Mißachtung
eingetragen hat. Ein Mann träumt: Er sitzt bei B… (einer Familie seiner früheren Bekanntschaft)
und sagt: Es war ein Unsinn, daß Sie mir die Mali nicht gegeben haben. Darauf fragt er das
Mädchen: Wie alt sind Sie denn? Antwort: Ich bin 1882 geboren. – Ah, dann sind Sie 28 Jahre
alt.
Da der Traum im Jahre 1898 vorfällt, so ist das offenbar schlecht gerechnet, und die
Rechenschwäche des Träumers darf der des Paralytikers an die Seite gestellt werden, wenn sie
sich etwa nicht anders aufklären läßt. Mein Patient gehörte zu jenen Personen, deren Gedanken
kein Frauenzimmer, das sie sehen, in Ruhe lassen können. Seine Nachfolgerin in meinem
Ordinationszimmer war einige Monate hindurch regelmäßig eine junge Dame, der er begegnete,
nach der er sich häufig erkundigte und mit der er durchaus höflich sein wollte. Diese war es,
deren Alter er auf 28 Jahre schätzte. Soviel zur Aufklärung des Resultats der scheinbaren
Rechnung. 1882 war aber das Jahr, in dem er geheiratet hatte. Er hatte es nicht unterlassen
können, auch mit den beiden anderen weiblichen Personen, die er bei mir traf, Gespräche
anzuknüpfen, den beiden keineswegs jugendlichen Mädchen, die ihm abwechselnd die Tür zu
öffnen pflegten, und als er die Mädchen wenig zutraulich fand, sich die Erklärung gegeben, sie
hielten ihn wohl für einen älteren »gesetzten« Herrn.
IV
Einen anderen Zahlentraum, der durch durchsichtige Determinierung oder vielmehr
Überdeterminierung ausgezeichnet ist, verdanke ich mitsamt seiner Deutung Herrn B. Dattner:
»Mein Hausherr, Sicherheitswachmann in Magistratsdiensten, träumt, er stünde auf der Straße
Posten, was eine Wunscherfüllung ist. Da kommt ein Inspektor auf ihn zu, der auf dem
Ringkragen die Nummer 22 und 62 oder 26 trägt. Jedenfalls aber seien mehrere Zweier
daraufgewesen.
Schon die Zerteilung der Zahl 2262 bei der Wiedergabe des Traumes läßt darauf schließen, daß
die Bestandteile eine gesonderte Bedeutung haben. Sie hätten gestern im Amt über die Dauer
ihrer Dienstzeit gesprochen, fällt ihm ein. Ursache gab ein Inspektor, der mit 62 Jahren in
Pension gegangen sei. Der Träumer hat erst 22 Dienstjahre und braucht noch 2 Jahre 2 Monate,
um eine 90%ige Pension zu erreichen. Der Traum spiegelt ihm nun zuerst die Erfüllung eines
langgehegten Wunsches, den Inspektorsrang, vor. Der Vorgesetzte mit der 2262 auf dem Kragen
ist er selbst, er versieht seinen Dienst auf der Straße, auch ein Lieblingswunsch, hat seine 2 Jahre
und 2 Monate abgedient und kann nun wie der 62jährige Inspektor mit voller Pension aus dem
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin