Seite - 618 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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verwechselt hat. Wer sich an die bis ins hohe Greisenalter wunderschönen Augen des großen
Meisters erinnern kann und ihn je im Zorn gesehen hat, wird sich in die Affekte des jugendlichen
Sünders von damals leicht versetzen können.
Es wollte mir aber lange nicht gelingen, das »Non vixit« abzuleiten, mit dem ich im Traum jene
Justiz übe, bis ich mich besann, daß diese zwei Worte nicht als gehörte oder gerufene, sondern als
gesehene so hohe Deutlichkeit im Traum besessen hatten. Dann wußte ich sofort, woher sie
stammten. Auf dem Postament des Kaiser-Josef-Denkmals in der Wiener Hofburg sind die
schönen Worte zu lesen:
»Saluti patriae vixit
non diu sed totus[178].«
Aus dieser Inschrift habe ich herausgeklaubt, was zu der einen, feindseligen Gedankenreihe in
meinen Traumgedanken paßte und was heißen sollte: Der Kerl hat ja gar nichts dreinzureden, er
lebt ja gar nicht. Und nun mußte ich mich erinnern, daß der Traum wenige Tage nach der
Enthüllung des Fleischldenkmals in den Arkaden der Universität geträumt worden war, wobei ich
das Denkmal Brückes wiedergesehen hatte und (im Unbewußten) mit Bedauern erwogen haben
muß, wie mein hochbegabter und ganz der Wissenschaft ergebener Freund P. durch einen
allzufrühen Tod seinen begründeten Anspruch auf ein Denkmal in diesen Räumen verloren. So
setzte ich ihm dies Denkmal im Traum; mein Freund P. hieß mit dem Vornamen Josef[179].
Nach den Regeln der Traumdeutung wäre ich nun noch immer nicht berechtigt, das non vivit, das
ich brauche, durch non vixit, das mir die Erinnerung an das Josefsmonument zur Verfügung stellt,
zu ersetzen. Ein anderes Element der Traumgedanken muß dies durch seinen Beitrag ermöglicht
haben. Es heißt mich nun etwas darauf achten, daß in der Traumszene eine feindselige und eine
zärtliche Gedankenströmung gegen meinen Freund P. zusammentreffen, die erstere oberflächlich,
die letztere verdeckt, und in den nämlichen Worten: Non vixit ihre Darstellung erreichen. Weil er
sich um die Wissenschaft verdient gemacht hat, errichte ich ihm ein Denkmal; aber weil er sich
eines bösen Wunsches schuldig gemacht hat (der am Ende des Traumes ausgedrückt ist), darum
vernichte ich ihn. Ich habe da einen Satz von ganz besonderem Klang gebildet, bei dem mich ein
Vorbild beeinflußt haben muß. Wo findet sich nur eine ähnliche Antithese, ein solches
Nebeneinanderstellen zweier entgegengesetzter Reaktionen gegen dieselbe Person, die beide den
Anspruch erheben, voll berechtigt zu sein, und doch einander nicht stören wollen? An einer
einzigen Stelle, die sich aber dem Leser tief einprägt; in der Rechtfertigungsrede des Brutus in
Shakespeares Julius Cäsar: »Weil Cäsar mich liebte, wein’ ich um ihn; weil er glücklich war,
freue ich mich; weil er tapfer war, ehr’ ich ihn, aber weil er herrschsüchtig war, erschlug ich ihn.«
Ist das nicht der nämliche Satzbau und Gedankengegensatz wie in dem Traumgedanken, den ich
aufgedeckt habe? Ich spiele also den Brutus im Traum. Wenn ich nur von dieser überraschenden
Kollateralverbindung noch eine andere bestätigende Spur im Trauminhalt auffinden könnte! Ich
denke, dies könnte folgende sein: Mein Freund Fl. kommt im Juli nach Wien. Diese Einzelheit
findet gar keine Stütze in Wirklichkeit. Mein Freund ist im Monat Juli meines Wissens niemals
in Wien gewesen. Aber der Monat Juli ist nach Julius Cäsar benannt und könnte darum sehr
wohl die von mir gesuchte Anspielung auf den Zwischengedanken, daß ich den Brutus spiele,
vertreten[180].
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin