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G
Absurde Träume – Die intellektuellen Leistungen im Traum
Bei unseren bisherigen Traumdeutungen sind wir so oft auf das Element der Absurdität im
Trauminhalt gestoßen, daß wir die Untersuchung nicht länger aufschieben wollen, woher
dasselbe rührt und was es etwa bedeutet. Wir erinnern uns ja, daß die Absurdität der Träume den
Gegnern der Traumschätzung ein Hauptargument bot, um im Traum nichts anderes als ein
sinnloses Produkt einer reduzierten und zerbröckelten Geistestätigkeit zu sehen.
Ich beginne mit einigen Beispielen, in denen die Absurdität des Trauminhalts nur ein Anschein
ist, der bei besserer Vertiefung in den Sinn des Traumes sofort verschwindet. Es sind einige
Träume, die – wie man zuerst meint, zufällig – vom toten Vater handeln.
I
Der Traum eines Patienten, der seinen Vater vor sechs Jahren verloren: Dem Vater ist ein großes
Unglück widerfahren. Er ist mit dem Nachtzug gefahren, da ist eine Entgleisung erfolgt, die Sitze
sind zusammengekommen, und ihm ist der Kopf quer zusammengedrückt worden. Er sieht ihn
dann auf dem Bette liegen, mit einer Wunde über dem Augenbrauenrand links, die vertikal
verläuft. Er wundert sich darüber, daß der Vater verunglückt ist (da er doch schon tot ist, wie er
bei der Erzählung ergänzt). Die Augen sind so klar.
Nach der herrschenden Beurteilung der Träume hätte man sich diesen Trauminhalt so
aufzuklären: Der Träumer hat zuerst, während er sich den Unfall seines Vaters vorstellt,
vergessen, daß dieser schon seit Jahren im Grabe ruht; im weiteren Verlaufe des Träumens wacht
diese Erinnerung auf und bewirkt, daß er sich über den eigenen Traum noch selbst träumend
verwundert. Die Analyse lehrt aber, daß es vor allem überflüssig ist, nach solchen Erklärungen zu
greifen. Der Träumer hatte bei einem Künstler eine Büste des Vaters bestellt, die er zwei Tage
vor dem Traume in Augenschein genommen hat. Diese ist es, die ihm verunglückt vorkommt.
Der Bildhauer hat den Vater nie gesehen, er arbeitet nach ihm vorgelegten Photographien. Am
Tage vor dem Traume selbst hat der pietätvolle Sohn einen alten Diener der Familie ins Atelier
geschickt, ob auch der dasselbe Urteil über den marmornen Kopf fällen wird, nämlich, daß er zu
schmal in der Querrichtung von Schläfe zu Schläfe ausgefallen ist. Nun folgt das
Erinnerungsmaterial, das zum Aufbau dieses Traums beigetragen hat. Der Vater hatte die
Gewohnheit, wenn geschäftliche Sorgen oder Schwierigkeiten in der Familie ihn quälten, sich
beide Hände gegen die Schläfen zu drücken, als ob er seinen Kopf, der ihm zu weit würde,
zusammenpressen wollte. – Als Kind von vier Jahren war unser Träumer zugegen, wie das
Losgehen einer zufällig geladenen Pistole dem Vater die Augen schwärzte (die Augen sind so
klar). – An der Stelle, wo der Traum die Verletzung des Vaters zeigt, trug der Lebende, wenn er
nachdenklich oder traurig war, eine tiefe Längsfurche zur Schau. Daß diese Furche im Traum
durch eine Wunde ersetzt ist, deutet auf die zweite Veranlassung des Traumes hin. Der Träumer
hatte sein kleines Töchterchen photographiert; die Platte war ihm aus der Hand gefallen und
zeigte, als er sie aufhob, einen Sprung, der wie eine senkrechte Furche über die Stirne der
Kleinen lief und bis zum Augenbrauenbogen reichte. Da konnte er sich abergläubischer
Ahnungen nicht erwehren, denn einen Tag vor dem Tode der Mutter war ihm die
photographische Platte mit deren Abbild gesprungen.
Die Absurdität dieses Traumes ist also bloß der Erfolg einer Nachlässigkeit des sprachlichen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin