Seite - 621 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Ausdrucks, der die Büste und die Photographie von der Person nicht unterscheiden will. Wir sind
alle gewöhnt, so zu reden: Findest du den Vater nicht getroffen? Freilich wäre der Anschein der
Absurdität in diesem Traume leicht zu vermeiden gewesen. Wenn man schon nach einer einzigen
Erfahrung urteilen dürfte, so möchte man sagen, dieser Anschein von Absurdität ist ein
zugelassener oder gewollter.
II
Ein zweites, ganz ähnliches Beispiel aus meinen eigenen Träumen: (Ich habe meinen Vater im
Jahre 1896 verloren.)
Der Vater hat nach seinem Tode eine politische Rolle bei den Magyaren gespielt, sie politisch
geeinigt, wozu ich ein kleines undeutliches Bild sehe: eine Menschenmenge wie im Reichstag;
eine Person, die auf einem oder zwei Stühlen steht, andere um ihn herum. Ich erinnere mich
daran, daß er auf dem Totenbette Garibaldi so ähnlich gesehen hat, und freue mich, daß diese
Verheißung doch wahr geworden ist.
Das ist doch absurd genug. Es ist zur Zeit geträumt, da die Ungarn durch parlamentarische
Obstruktion in den gesetzlosen Zustand gerieten und jene Krise durchmachten, aus der Koloman
Széll sie befreite. Der geringfügige Umstand, daß die im Traum gesehene Szene aus so kleinen
Bildern besteht, ist nicht ohne Bedeutung für die Aufklärung dieses Elements. Die gewöhnliche
visuelle Traumdarstellung unserer Gedanken ergibt Bilder, die uns etwa den Eindruck der
Lebensgröße machen; mein Traumbild ist aber die Reproduktion eines in den Text einer
illustrierten Geschichte Österreichs eingeschobenen Holzschnittes, der Maria Theresia auf dem
Reichstage von Preßburg darstellt, die berühmte Szene des »Moriamur pro rege nostro«[181]. Wie
dort Maria Theresia, so steht im Traume der Vater von der Menge umringt; er steht aber auf
einem oder zwei Stühlen, also als Stuhlrichter. (Er hat sie geeinigt: – hier vermittelt die
Redensart: Wir werden keinen Richter brauchen.) Daß er auf dem Totenbette Garibaldi so
ähnlich sah, haben wir Umstehenden wirklich alle bemerkt. Er hatte postmortale
Temperatursteigerung, seine Wangen glühten rot und röter … unwillkürlich setzen wir fort:
»Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine
lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.«
Diese Erhebung unserer Gedanken bereitet uns darauf vor, daß wir gerade mit dem »Gemeinen«
zu tun bekommen sollen. Das »postmortale« der Temperaturerhöhung entspricht den Worten
»nach seinem Tode« im Trauminhalt. Das Quälendste seiner Leiden war die völlige
Darmlähmung (Obstruktion) der letzten Wochen gewesen. An diese knüpfen allerlei
unehrerbietige Gedanken an. Einer meiner Altersgenossen, der seinen Vater noch als Gymnasiast
verlor, bei welchem Anlaß ich ihm dann tief erschüttert meine Freundschaft antrug, erzählte mir
einmal höhnend von dem Schmerz einer Verwandten, deren Vater auf der Straße gestorben und
nach Hause gebracht worden war, wo sich dann bei der Entkleidung der Leiche fand, daß im
Moment des Todes oder postmortal eine Stuhlentleerung stattgefunden hatte. Die Tochter war so
tief unglücklich darüber, daß ihr dieses häßliche Detail die Erinnerung an den Vater stören
mußte. Hier sind wir nun zu dem Wunsch vorgedrungen, der sich in diesem Traume verkörpert.
Nach seinem Tode rein und groß vor seinen Kindern dastehen, wer möchte das nicht wünschen?
Wohin ist die Absurdität dieses Traumes geraten? Ihr Anschein ist nur dadurch zustande
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin