Seite - 622 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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gekommen, daß eine völlig zulässige Redensart, bei welcher wir gewöhnt sind, über die
Absurdität hinwegzusehen, die zwischen ihren Bestandteilen vorhanden sein mag, im Traume
getreulich dargestellt wird. Auch hier können wir den Eindruck nicht abweisen, daß der Anschein
der Absurdität ein gewollter, absichtlich hervorgerufener ist.
Die Häufigkeit, mit welcher im Traume tote Personen wie lebend auftreten, handeln und mit uns
verkehren, hat eine ungebührliche Verwunderung hervorgerufen und sonderbare Erklärungen
erzeugt, aus denen unser Unverständnis für den Traum sehr auffällig erhellt. Und doch ist die
Aufklärung dieser Träume eine sehr naheliegende. Wie oft kommen wir in die Lage, uns zu
denken: Wenn der Vater noch leben würde, was würde er dazu sagen? Dieses Wenn kann der
Traum nicht anders darstellen als durch die Gegenwart in einer bestimmten Situation. So träumt
z. B. ein junger Mann, dem sein Großvater ein großes Erbe hinterlassen hat, bei einer Gelegenheit
von Vorwurf wegen einer bedeutenden Geldausgabe, der Großvater sei wieder am Leben und
fordere Rechenschaft von ihm. Was wir für die Auflehnung gegen den Traum halten, der
Einspruch aus unserem besseren Wissen, daß der Mann doch schon gestorben sei, ist in
Wirklichkeit der Trostgedanke, daß der Verstorbene das nicht zu erleben brauchte, oder die
Befriedigung darüber, daß er nichts mehr dreinzureden hat.
Eine andere Art von Absurdität, die sich in Träumen von toten Angehörigen findet, drückt nicht
Spott und Hohn aus, sondern dient der äußersten Ablehnung, der Darstellung eines verdrängten
Gedankens, den man gerne als das Allerundenkbarste hinstellen möchte. Träume dieser Art
erscheinen nur auflösbar, wenn man sich erinnert, daß der Traum zwischen Gewünschtem und
Realem keinen Unterschied macht. So träumt z. B. ein Mann, der seinen Vater in dessen
Krankheit gepflegt und unter dessen Tod schwer gelitten hatte, eine Zeit nachher folgenden
unsinnigen Traum: Der Vater war wieder am Leben und sprach mit ihm wie sonst, aber (das
Merkwürdige war), er war doch gestorben und wußte es nur nicht. Man versteht diesen Traum,
wenn man nach »er war doch gestorben« einsetzt: infolge des Wunsches des Träumers und zu »er
wußte es nicht« ergänzt: daß der Träumer diesen Wunsch hatte. Der Sohn hatte während der
Krankenpflege wiederholt den Vater tot gewünscht, d. h. den eigentlich erbarmungsvollen
Gedanken gehabt, der Tod möge doch endlich dieser Qual ein Ende machen. In der Trauer nach
dem Tode wurde selbst dieser Wunsch des Mitleidens zum unbewußten Vorwurf, als ob er durch
ihn wirklich beigetragen hätte, das Leben des Kranken zu verkürzen. Durch Erweckung der
frühesten infantilen Regungen gegen den Vater wurde es möglich, diesen Vorwurf als Traum
auszudrücken, aber gerade wegen der weltenweiten Gegensätzlichkeit zwischen dem
Traumerreger und dem Tagesgedanken mußte dieser Traum so absurd ausfallen[182].
Die Träume von geliebten Toten stellen der Traumdeutung überhaupt schwierige Aufgaben,
deren Lösung nicht immer befriedigend gelingt. Den Grund hiefür mag man in der besonders
stark ausgeprägten Gefühlsambivalenz suchen, welche das Verhältnis des Träumers zum Toten
beherrscht. Es ist sehr gewöhnlich, daß in solchen Träumen der Verstorbene zunächst als lebend
behandelt wird, daß es dann plötzlich heißt, er sei tot, und daß er in der Fortsetzung des Traumes
doch wieder lebt. Das wirkt verwirrend. Ich habe endlich erraten, daß dieser Wechsel von Tod
und Leben die Gleichgültigkeit des Träumers darstellen soll (»Es ist mir dasselbe, ob er lebt oder
gestorben ist«). Natürlich ist diese Gleichgültigkeit keine reale, sondern eine gewünschte, sie soll
die sehr intensiven, oft gegensätzlichen Gefühlseinstellungen des Träumers verleugnen helfen
und wird so zur Traumdarstellung seiner Ambivalenz. Für andere Träume, in denen man mit
Toten verkehrt, hat oft folgende Regel orientierend gewirkt: Wenn im Traume nicht daran
gemahnt wird, daß der Tote – tot ist, so stellt sich der Träumer dem Toten gleich, er träumt von
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin