Seite - 623 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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seinem eigenen Tod. Die plötzlich im Traume auftretende Besinnung oder Verwunderung: Aber,
der ist ja längst gestorben, ist eine Verwahrung gegen diese Gemeinschaft und lehnt die
Todesbedeutung für den Träumer ab. Aber ich gestehe den Eindruck zu, daß die Traumdeutung
Träumen dieses Inhalts noch lange nicht alle ihre Geheimnisse entlockt hat.
III
In dem Beispiel, das ich jetzt ausführe, kann ich die Traumarbeit dabei ertappen, wie sie eine
Absurdität, zu der im Material gar kein Anlaß ist, absichtlich fabriziert. Es stammt aus dem
Traume, den mir die Begegnung mit dem Grafen Thun vor meiner Ferialreise eingegeben hat.
»Ich fahre in einem Einspänner und gebe Auftrag, zu einem Bahnhof zu fahren. ›Auf der
Bahnstrecke selbst kann ich natürlich nicht mit Ihnen fahren‹, sage ich, nachdem er einen
Einwand gemacht, als ob ich ihn übermüdet hätte; dabei ist es so, als wäre ich schon eine Strecke
mit ihm gefahren, die man sonst mit der Bahn fährt.« Zu dieser verworrenen und unsinnigen
Geschichte gibt die Analyse folgende Aufklärungen: Ich hatte am Tage einen Einspänner
genommen, der mich nach Dornbach in eine entlegene Straße führen sollte. Er kannte aber den
Weg nicht und fuhr nach Art dieser guten Leute immer weiter, bis ich es merkte und ihm den
Weg zeigte, wobei ich ihm einige spöttische Bemerkungen nicht ersparte. Von diesem Kutscher
spinnt sich eine Gedankenverbindung zu den Aristokraten an, mit der ich später noch
zusammentreffen werde. Vorläufig nur die Andeutung, daß uns bürgerlichem Plebs die
Aristokratie dadurch auffällig wird, daß sie sich mit Vorliebe an die Stelle des Kutschers setzt.
Graf Thun lenkt ja auch den Staatswagen von Österreich. Der nächste Satz im Traum bezieht sich
aber auf meinen Bruder, den ich also mit dem Einspännerkutscher identifiziere. Ich hatte ihm
heuer die gemeinsame Italienfahrt abgesagt (»Auf der Bahnstrecke selbst kann ich mit Ihnen nicht
fahren«), und diese Absage war eine Art Bestrafung für seine sonstige Klage, daß ich ihn auf
diesen Reisen zu übermüden pflege (was unverändert in den Traum gelangt), indem ich ihm zu
rasche Ortsveränderung, zuviel des Schönen an einem Tage, zumute. Mein Bruder hatte mich an
diesem Abend zum Bahnhof begleitet, war aber kurz vorher bei der Stadtbahnstation
Westbahnhof ausgesprungen, um mit der Stadtbahn nach Purkersdorf zu fahren. Ich hatte ihm
bemerkt, er könne noch eine Weile länger bei mir bleiben, indem er nicht mit der Stadtbahn,
sondern mit der Westbahn nach Purkersdorf fahre. Davon ist in den Traum gekommen, daß ich
mit dem Wagen eine Strecke gefahren bin, die man sonst mit der Bahn fährt. In Wirklichkeit war
es umgekehrt (und »Umgekehrt ist auch gefahren«); ich hatte meinem Bruder gesagt: Die
Strecke, die du mit der Stadtbahn fährst, kannst du auch in meiner Gesellschaft in der Westbahn
fahren. Die ganze Traumverwirrung richte ich dadurch an, daß ich anstatt »Stadtbahn« –
»Wagen« in den Traum einsetze, was allerdings zur Zusammenziehung des Kutschers mit dem
Bruder gute Dienste leistet. Dann bekomme ich im Traume etwas Unsinniges heraus, was bei der
Erklärung kaum entwirrbar scheint, und beinahe einen Widerspruch mit einer früheren Rede von
mir (»Auf der Bahnstrecke selbst kann ich mit Ihnen nicht fahren«) herstellt. Da ich aber
Stadtbahn und Einspännerwagen überhaupt nicht zu verwechseln brauche, muß ich diese ganze
rätselhafte Geschichte im Traum absichtlich so gestaltet haben.
In welcher Absicht aber? Wir sollen nun erfahren, was die Absurdität im Traume bedeutet und
aus welchen Motiven sie zugelassen oder geschaffen wird. Die Lösung des Geheimnisses im
vorliegenden Falle ist folgende: Ich brauche im Traume eine Absurdität und etwas
Unverständliches in Verbindung mit dem »Fahren«, weil ich in den Traumgedanken ein gewisses
Urteil habe, das nach Darstellung verlangt. An einem Abende bei jener gastfreundlichen und
geistreichen Dame, die in einer anderen Szene des nämlichen Traumes als »Haushälterin«
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin