Seite - 624 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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auftritt, hatte ich zwei Rätsel gehört, die ich nicht auflösen konnte. Da sie der übrigen
Gesellschaft bekannt waren, machte ich mit meinen erfolglosen Bemühungen, die Lösung zu
finden, eine etwas lächerliche Figur. Es waren zwei Äquivoke mit »Nachkommen« und
»Vorfahren«. Sie lauteten, glaube ich, so:
»Der Herr befiehlt’s,
Der Kutscher tut’s.
Ein jeder hat’s,
Im Grabe ruht’s.« (Vorfahren.)
Verwirrend wirkte es, daß das zweite Rätsel zur einen Hälfte identisch mit dem ersten war:
»Der Herr befiehlt’s,
Der Kutscher tut’s.
Nicht jeder hat’s,
In der Wiege ruht’s.« (Nachkommen.)
Als ich nun den Grafen Thun so großmächtig vorfahren sah, in die Figaro-Stimmung geriet, die
das Verdienst der hohen Herren darin findet, daß sie sich die Mühe gegeben haben, geboren zu
werden (Nachkommen zu sein), wurden diese beiden Rätsel zu Zwischengedanken für die
Traumarbeit. Da man Aristokraten leicht mit Kutschern verwechseln kann und man dem
Kutscher früher einmal in unseren Landen »Herr Schwager« zu sagen pflegte, konnte die
Verdichtungsarbeit meinen Bruder in dieselbe Darstellung einbeziehen. Der Traumgedanke aber,
der dahinter gewirkt hat, lautet: Es ist ein Unsinn, auf seine Vorfahren stolz zu sein. Lieber hin
ich selber ein Vorfahr, ein Ahnherr. Wegen dieses Urteils: Es ist ein Unsinn, also der Unsinn im
Traum. Jetzt löst sich wohl auch das letzte Rätsel dieser dunklen Traumstelle, daß ich mit dem
Kutscher schon vorher gefahren, mit ihm schon vorgefahren.
Der Traum wird also dann absurd gemacht, wenn in den Traumgedanken als eines der Elemente
des Inhalts das Urteil vorkommt: Das ist ein Unsinn, wenn überhaupt Kritik und Spott einen der
unbewußten Gedankenzüge des Träumers motivieren. Das Absurde wird somit eines der Mittel,
durch welches die Traumarbeit den Widerspruch darstellt, wie die Umkehrung einer
Materialbeziehung zwischen Traumgedanken und Trauminhalt, wie die Verwertung der
motorischen Hemmungsempfindung. Das Absurde des Traumes ist aber nicht mit einem
einfachen »Nein« zu übersetzen, sondern soll die Disposition der Traumgedanken wiedergeben,
gleichzeitig mit dem Widerspruch zu höhnen oder zu lachen. Nur in dieser Absicht liefert die
Traumarbeit etwas Lächerliches. Sie verwandelt hier wiederum ein Stück des latenten Inhalts in
eine manifeste Form[183].
Eigentlich sind wir einem überzeugenden Beispiel von solcher Bedeutung eines absurden
Traumes schon begegnet. Jener ohne Analyse gedeutete Traum von der Wagner-Vorstellung, die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin