Seite - 627 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 627 -
Text der Seite - 627 -
Ein anderer absurder Traum, der mit Zahlen spielt.
Einer meiner Bekannten, Herr M., ist von keinem Geringeren als von Goethe in einem Aufsatze
angegriffen worden, wie wir alle meinen, mit ungerechtfertigt großer Heftigkeit. Herr M. ist
durch diesen Angriff natürlich vernichtet. Er beklagt sich darüber bitter bei einer
Tischgesellschaft; seine Verehrung für Goethe hat aber unter dieser persönlichen Erfahrung
nicht gelitten. Ich suche mir die zeitlichen Verhältnisse, die mir unwahrscheinlich vorkommen,
ein wenig aufzuklären. Goethe ist 1832 gestorben; da sein Angriff auf M. natürlich früher erfolgt
sein muß, so war Herr M. damals ein ganz junger Mann. Es kommt mir plausibel vor, daß er
achtzehn Jahre alt war. Ich weiß aber nicht sicher, welches Jahr wir gegenwärtig schreiben, und
so versinkt die ganze Berechnung im Dunkel. Der Angriff ist übrigens in dem bekannten Aufsatz
von Goethe ›Natur‹ enthalten.
Wir werden bald die Mittel in der Hand haben, den Blödsinn dieses Traumes zu rechtfertigen.
Herr M., den ich aus einer Tischgesellschaft kenne, hatte mich unlängst aufgefordert, seinen
Bruder zu untersuchen, bei dem sich Zeichen von paralytischer Geistesstörung bemerkbar
machen. Die Vermutung war richtig; es ereignete sich bei diesem Besuch das Peinliche, daß der
Kranke ohne jeden Anlaß im Gespräch den Bruder durch Anspielung auf dessen Jugendstreiche
bloßstellte. Den Kranken hatte ich nach seinem Geburtsjahre gefragt und ihn wiederholt zu
kleinen Berechnungen veranlaßt, um seine Gedächtnisschwächung klarzulegen; Proben, die er
übrigens noch recht gut bestand. Ich merke schon, daß ich mich im Traume benehme wie ein
Paralytiker. (Ich weiß nicht sicher, welches Jahr wir schreiben.) Anderes Material des Traumes
stammt aus einer anderen rezenten Quelle. Ein mir befreundeter Redakteur einer medizinischen
Zeitschrift hatte eine höchst ungnädige, eine »vernichtende« Kritik über das letzte Buch meines
Freundes Fl. in Berlin in sein Blatt aufgenommen, die ein recht jugendlicher und wenig
urteilsfähiger Referent verfaßt hatte. Ich glaubte, ein Recht zur Einmengung zu haben, und stellte
den Redakteur zur Rede, der die Aufnahme der Kritik lebhaft bedauerte, aber eine Remedur nicht
versprechen wollte. Daraufhin brach ich meine Beziehungen zur Zeitschrift ab und hob in
meinem Absagebriefe die Erwartung hervor, daß unsere persönlichen Beziehungen unter diesem
Vorfall nicht leiden würden. Die dritte Quelle dieses Traumes ist die damals frische Erzählung
einer Patientin von der psychischen Erkrankung ihres Bruders, der mit dem Ausrufe »Natur,
Natur« in Tobsucht verfallen war. Die Ärzte hatten gemeint, der Ausruf stamme aus der Lektüre
jenes schönen Aufsatzes von Goethe und deute auf die Überarbeitung des Erkrankten bei seinen
naturphilosophischen Studien. Ich zog es vor, an den sexuellen Sinn zu denken, in dem auch die
Mindergebildeten bei uns von der »Natur« reden, und daß der Unglückliche sich später an den
Genitalien verstümmelte, schien mir wenigstens nicht unrecht zu geben. 18 Jahre war das Alter
dieses Kranken, als sich jener Tobsuchtsanfall einstellte.
Wenn ich noch hinzufüge, daß das so hart kritisierte Buch meines Freundes (»Man fragt sich, ist
der Autor verrückt oder ist man es selbst«, hatte ein anderer Kritiker geäußert) sich mit den
zeitlichen Verhältnissen des Lebens beschäftigt und auch Goethes Lebensdauer auf ein
Vielfaches einer für die Biologie bedeutsamen Zahl zurückführt, so ist es leicht einzusehen, daß
ich mich im Traume an die Stelle meines Freundes setze. (Ich suche mir die zeitlichen
Verhältnisse … ein wenig aufzuklären.) Ich benehme mich aber wie ein Paralytiker, und der
Traum schwelgt in Absurdität. Das heißt also, die Traumgedanken sagen ironisch: »Natürlich, er
ist der Narr, der Verrückte, und Ihr seid die genialen Leute, die es besser verstehen. Vielleicht
aber doch umgekehrt?« Und diese Umkehrung ist nun ausgiebig im Trauminhalt vertreten, indem
Goethe den jungen Mann angegriffen hat, was absurd ist, während leicht ein ganz junger Mensch
627
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin