Seite - 629 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 629 -
Text der Seite - 629 -
hebräisches Wort, abgeleitet von einem Verbum goiser, und läßt sich am besten durch
»anbefohlene Leiden, Verhängnis« wiedergeben. Nach der Verwendung des Wortes im Jargon
sollte man meinen, es bedeute »Klagen und Jammern«. Ungeseres ist meine eigenste
Wortbildung und zieht meine Aufmerksamkeit zuerst auf sich, macht mich aber zunächst ratlos.
Die kleine Bemerkung zu Ende des Traumes, daß Ungeseres einen Vorzug gegen Geseres
bedeute, öffnet den Einfällen und damit dem Verständnis die Pforten. Ein solches Verhältnis
findet ja beim Kaviar statt; der ungesalzene wird höher geschätzt als der gesalzene. Kaviar fürs
Volk, »noble Passionen«: darin liegt eine scherzhafte Anspielung an eine der Personen meines
Haushaltes verborgen, von der ich hoffe, daß sie, jünger als ich, die Zukunft meiner Kinder in
acht nehmen wird. Dazu stimmt es dann, daß eine andere Person meines Haushaltes, unsere brave
Kinderfrau, in der Wärterin (oder Nonne) vom Traum wohl kenntlich gezeigt wird. Zwischen
dem Paar gesalzen–ungesalzen und Geseres–Ungeseres fehlt es aber noch an einem
vermittelnden Übergang. Dieser findet sich in »gesäuert und ungesäuert«; bei ihrem fluchtartigen
Auszug aus Ägypten hatten die Kinder Israels nicht die Zeit, ihren Brotteig gären zu lassen, und
essen zur Erinnerung daran noch heute ungesäuertes Brot zur Osterzeit. Hier kann ich auch den
plötzlichen Einfall unterbringen, der mir während dieses Stückes der Analyse gekommen ist. Ich
erinnerte mich, wie wir in den letzten Ostertagen in den Straßen der uns fremden Stadt Breslau
herumspazierten, mein Freund aus Berlin und ich. Ein kleines Mädchen fragte mich um den Weg
in eine gewisse Straße; ich mußte mich entschuldigen, daß ich ihn nicht wisse, und äußerte dann
zu meinem Freunde: »Hoffentlich beweist die Kleine später im Leben mehr Scharfblick bei der
Auswahl der Personen, von denen sie sich leiten läßt.« Kurz darauf fiel mir ein Schild in die
Augen: Dr. Herodes, Sprechstunde … Ich meinte: »Hoffentlich ist der Kollege nicht gerade
Kinderarzt.« Mein Freund hatte mir unterdessen seine Ansichten über die biologische Bedeutung
der bilateralen Symmetrie entwickelt und einen Satz mit der Einleitung begonnen: »Wenn wir das
eine Auge mitten auf der Stirne trügen wie der Zyklop …« Das führt nun zur Rede des Professors
im Vortraum: Mein Sohn, der Myop. Und nun bin ich zur Hauptquelle für das Geseres geführt
worden. Vor vielen Jahren, als dieser Sohn des Professors M., der heute ein selbständiger Denker
ist, noch auf der Schulbank saß, erkrankte er an einer Augenaffektion, die der Arzt für
besorgniserweckend erklärte. Er meinte, solange sie einseitig bleibe, habe sie nichts zu bedeuten,
sollte sie aber auch auf das andere Auge übergreifen, so wäre es ernsthaft. Das Leiden heilte auf
dem einen Auge schadlos ab; kurz darauf stellten sich aber die Zeichen für die Erkrankung des
zweiten wirklich ein. Die entsetzte Mutter ließ sofort den Arzt in die Einsamkeit ihres
Landaufenthalts kommen. Der schlug sich aber jetzt auf die andere Seite. »Was machen Sie für
Geseres?« herrschte er die Mutter an. »Ist es auf der einen Seite gut geworden, so wird es auch
auf der anderen gut werden.« Und so ward es auch.
Und nun die Beziehung zu mir und den Meinigen. Die Schulbank, auf der der Sohn des
Professors M. seine erste Weisheit erlernt, ist durch Schenkung der Mutter in das Eigentum
meines Ältesten übergegangen, dem ich im Traume die Abschiedsworte in den Mund lege. Der
eine der Wünsche, die sich an diese Übertragung knüpfen lassen, ist nun leicht zu erraten. Diese
Schulbank soll aber auch durch ihre Konstruktion das Kind davor schützen, kurzsichtig und
einseitig zu werden. Daher im Traum Myop (dahinter Zyklop) und die Erörterungen über
Bilateralität. Die Sorge um die Einseitigkeit ist eine mehrdeutige; es kann neben der körperlichen
Einseitigkeit die der intellektuellen Entwicklung gemeint sein. Ja, scheint es nicht, daß die
Traumszene in ihrer Tollheit gerade dieser Sorge widerspricht? Nachdem das Kind nach der
einen Seite hin sein Abschiedswort gesprochen, ruft es nach der anderen hin das Gegenteil
davon, wie um das Gleichgewicht herzustellen. Es handelt gleichsam in Beachtung der
bilateralen Symmetrie!
629
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin