Seite - 630 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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So ist der Traum oft am tiefsinnigsten, wo er am tollsten erscheint. Zu allen Zeiten pflegten die,
welche etwas zu sagen hatten und es nicht gefahrlos sagen konnten, gerne die Narrenkappe
aufzusetzen. Der Hörer, für den die untersagte Rede bestimmt war, duldete sie eher, wenn er
dabei lachen und sich mit dem Urteil schmeicheln konnte, daß das Unliebsame offenbar etwas
Närrisches sei. Ganz so wie in Wirklichkeit der Traum, verfährt im Schauspiel der Prinz, der sich
zum Narren verstellen muß, und darum kann man auch vom Traume aussagen, was Hamlet,
wobei er die eigentlichen Bedingungen durch witzig-unverständliche ersetzt, von sich behauptet:
»Ich bin nur toll bei Nord-Nord-West; weht der Wind aus Süden, so kann ich einen Reiher von
einem Falken unterscheiden.«[184]
Ich habe also das Problem der Absurdität des Traumes dahin aufgelöst, daß die Traumgedanken
niemals absurd sind – wenigstens nicht von den Träumen geistesgesunder Menschen – und daß
die Traumarbeit absurde Träume und Träume mit einzelnen absurden Elementen produziert,
wenn ihr in den Traumgedanken Kritik, Spott und Hohn zur Darstellung in ihrer Ausdrucksform
vorliegt. Es liegt mir nur daran zu zeigen, daß die Traumarbeit überhaupt durch das
Zusammenwirken der drei erwähnten Momente – und eines vierten noch zu erwähnenden –
erschöpft ist, daß sie sonst nichts leistet als eine Übersetzung der Traumgedanken unter
Beachtung der vier ihr vorgeschriebenen Bedingungen und daß die Frage, ob die Seele im
Traume mit all ihren geistigen Fähigkeiten arbeitet oder nur mit einem Teile derselben, schief
gestellt ist und an den tatsächlichen Verhältnissen abgleitet. Da es aber reichlich Träume gibt, in
deren Inhalt geurteilt, kritisiert und anerkannt wird, in denen Verwunderung über ein einzelnes
Element des Traumes auftritt, Erklärungsversuche gemacht und Argumentationen angestellt
werden, muß ich die Einwendungen, die aus solchen Vorkommnissen sich ableiten, an
ausgewählten Beispielen erledigen.
Meine Erwiderung lautet: Alles, was sich als scheinbare Betätigung der Urteilsfunktion in den
Träumen vorfindet, ist nicht etwa als Denkleistung der Traumarbeit aufzufassen, sondern gehört
dem Material der Traumgedanken an und ist von dorther als fertiges Gebilde in den manifesten
Trauminhalt gelangt. Ich kann meinen Satz zunächst noch überbieten. Auch von den Urteilen, die
man nach dem Erwachen über den erinnerten Traum fällt, den Empfindungen, die die
Reproduktion dieses Traumes in uns hervorruft, gehört ein guter Teil dem latenten Trauminhalt
an und ist in die Deutung des Traumes einzufügen.
I
Ein auffälliges Beispiel hiefür habe ich bereits angeführt. Eine Patientin will ihren Traum nicht
erzählen, weil er zu unklar ist. Sie hat eine Person im Traume gesehen und weiß nicht, ob es der
Mann oder der Vater war. Dann folgt ein zweites Traumstück, in dem ein »Misttrügerl«
vorkommt, an das folgende Erinnerung sich anschließt. Als junge Hausfrau äußerte sie einmal
scherzhaft vor einem jungen Verwandten, der im Hause verkehrte, daß ihre nächste Sorge die
Anschaffung eines neuen Misttrügerls sein müsse. Sie bekam am nächsten Morgen ein solches
zugeschickt, das aber mit Maiglöckchen gefüllt war. Dieses Stück Traum dient der Darstellung
der Redensart »Nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen«. Wenn man die Analyse
vervollständigt, erfährt man, daß es sich in den Traumgedanken um die Nachwirkung einer in der
Jugend gehörten Geschichte handelt, daß ein Mädchen ein Kind bekommen, von dem es unklar
war, wer eigentlich der Vater sei. Die Traumdarstellung greift also hier ins Wachdenken über
und läßt eines der Elemente der Traumgedanken durch ein im Wachen gefälltes Urteil über den
ganzen Traum vertreten sein.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin