Seite - 634 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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daß Material aus den Traumgedanken dazu verwendet werden mußte. Es ist, als kämen in einer
algebraischen Gleichung außer den Zahlen ein + und –, ein Potenz- und ein Wurzelzeichen vor
und jemand, der diese Gleichung abschreibt, ohne sie zu verstehen, nähme die Operationszeichen
wie die Zahlen in seine Abschrift hinüber, würfe aber dann beiderlei durcheinander. Die beiden
Argumente lassen sich auf folgendes Material zurückführen. Es ist mir peinlich zu denken, daß
manche der Voraussetzungen, die ich meiner psychologischen Auflösung der Psychoneurosen
zugrunde lege, wenn sie erst bekannt geworden sind, Unglauben und Gelächter hervorrufen
werden. So muß ich behaupten, daß bereits Eindrücke aus dem zweiten Lebensjahr, mitunter
auch schon aus dem ersten, eine bleibende Spur im Gemütsleben der später Kranken
zurücklassen und – obwohl von der Erinnerung vielfach verzerrt und übertrieben – die erste und
unterste Begründung für ein hysterisches Symptom abgeben können. Patienten, denen ich dies an
passender Stelle auseinandersetze, pflegen die neugewonnene Aufklärung zu parodieren, indem
sie sich bereit erklären, nach Erinnerungen aus der Zeit zu suchen, da sie noch nicht am Leben
waren. Eine ähnliche Auf nähme dürfte nach meiner Erwartung die Aufdeckung der ungeahnten
Rolle finden, welche bei weiblichen Kranken der Vater in den frühesten sexuellen Regungen
spielt. (Vgl. die Auseinandersetzung S. 262 f.) Und doch ist nach meiner gut begründeten
Überzeugung beides wahr. Ich denke zur Bekräftigung an einzelne Beispiele, bei denen der Tod
des Vaters in ein sehr frühes Alter des Kindes fiel, und spätere sonst unerklärbare Vorfälle
bewiesen, daß das Kind doch Erinnerungen an die ihm so früh entschwundene Person unbewußt
bewahrt hatte. Ich weiß, daß meine beiden Behauptungen auf Schlüssen beruhen, deren Gültigkeit
man anfechten wird. Es ist also eine Leistung der Wunscherfüllung, wenn gerade das Material
dieser Schlüsse, deren Beanständung ich fürchte, von der Traumarbeit zur Herstellung
einwandfreier Schlüsse verwendet wird.
VII
In einem Traume, den ich bisher nur gestreift habe, wird eingangs die Verwunderung über das
auftauchende Thema deutlich ausgesprochen.
»Der alte Brücke muß mir irgendeine Aufgabe gestellt haben; sonderbar genug bezieht sie sich
auf Präparation meines eigenen Untergestells, Becken und Beine, das ich vor mir sehe wie im
Seziersaal, doch ohne den Mangel am Körper zu spüren, auch ohne Spur von Grauen. Louise N.
steht dabei und macht die Arbeit mit mir. Das Becken ist ausgeweidet, man sieht bald die obere,
bald die untere Ansicht desselben, was sich vermengt. Dicke, fleischrote Knollen (bei denen ich
noch im Traume an Hämorrhoiden denke) sind zu sehen. Auch mußte etwas sorgfältig
ausgeklaubt werden, was darüber lag und zerknülltem Silberpapier glich[188]. Dann war ich
wieder im Besitz meiner Beine und machte einen Weg durch die Stadt, nahm aber (aus
Müdigkeit) einen Wagen. Der Wagen fuhr zu meinem Erstaunen in ein Haustor hinein, das sich
öffnete und ihn durch einen Gang passieren ließ, der, am Ende abgeknickt, schließlich weiter ins
Freie führte[189]. Schließlich wanderte ich mit einem alpinen Führer, der meine Sachen trug,
durch wechselnde Landschaften. Auf einer Strecke trug er mich mit Rücksicht auf meine müden
Beine. Der Boden war sumpfig; wir gingen am Rand hin; Leute saßen am Boden, ein Mädchen
unter ihnen, wie Indianer oder Zigeuner. Vorher hatte ich auf dem schlüpfrigen Boden mich
selbst weiter bewegt unter steter Verwunderung, daß ich es nach der Präparation so gut kann.
Endlich kamen wir zu einem kleinen Holzhaus, das in ein offenes Fenster ausging. Dort setzte
mich der Führer ab und legte zwei bereitstehende Holzbretter auf das Fensterbrett, um so den
Abgrund zu überbrücken, der vom Fenster aus zu überschreiten war. Ich bekam jetzt wirklich
Angst für meine Beine. Anstatt des erwarteten Überganges sah ich aber zwei erwachsene Männer
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin