Seite - 637 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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man mir den Lufthunger bald an. Es war eine heiße Nacht und die Luft im allseitig geschlossenen
Coupé bald zum Ersticken. Nach meinen Reiseerfahrungen kennzeichnet ein so rücksichtslos
übergreifendes Benehmen Leute, die ihre Karte nicht oder nur halb bezahlt haben. Als der
Kondukteur kam und ich mein teuer erkauftes Billet vorzeigte, tönte es aus dem Munde der
Dame unnahbar und wie drohend: Mein Mann hat Legitimation. Sie war eine stattliche
Erscheinung mit mißvergnügten Zügen, im Alter nicht weit von der Zeit des Verfalls weiblicher
Schönheit; der Mann kam überhaupt nicht zu Worte, er saß regungslos da. Ich versuchte zu
schlafen. Im Traum nehme ich fürchterliche Rache an meinen unliebenswürdigen Reisegefährten;
man würde nicht ahnen, welche Beschimpfungen und Demütigungen sich hinter den
abgerissenen Brocken der ersten Traumhälfte verbergen. Nachdem dies Bedürfnis befriedigt war,
machte sich der zweite Wunsch geltend, das Coupé zu wechseln. Der Traum wechselt so oft die
Szene, und ohne daß der mindeste Anstoß an der Veränderung genommen wird, daß es nicht im
geringsten auffällig gewesen wäre, wenn ich mir alsbald meine Reisegesellschaft durch eine
angenehmere aus meiner Erinnerung ersetzt hätte. Hier aber tritt ein Fall ein, daß irgend etwas
den Wechsel der Szene beanständete und es für notwendig hielt, ihn zu erklären. Wie kam ich
plötzlich in ein anderes Coupé? Ich konnte mich doch nicht erinnern, umgestiegen zu sein. Da
gab es nur eine Erklärung: ich mußte im schlafenden Zustande den Wagen verlassen haben, ein
seltenes Vorkommnis, wofür aber doch die Erfahrung des Neuropathologen Beispiele liefert. Wir
wissen von Personen, die Eisenbahnfahrten in einem Dämmerzustand unternehmen, ohne durch
irgendein Anzeichen ihren abnormen Zustand zu verraten, bis sie an irgendeiner Station der Reise
voll zu sich kommen und dann die Lücke in ihrer Erinnerung bestaunen. Für einen solchen Fall
von »automatisme ambulatoire« erkläre ich also noch im Traume den meinigen.
Die Analyse gestattet, eine andere Auflösung zu geben. Der Erklärungsversuch, der mich so
frappiert, wenn ich ihn der Traumarbeit zuschreiben müßte, ist nicht originell, sondern aus der
Neurose eines meiner Patienten kopiert. Ich erzählte bereits an anderer Stelle von einem
hochgebildeten und im Leben weichherzigen Manne, der kurz nach dem Tode seiner Eltern
begann, sich mörderischer Neigungen anzuklagen, und nun unter den Vorsichtsmaßregeln litt, die
er zur Sicherung gegen dieselben treffen mußte. Es war ein Fall von schweren
Zwangsvorstellungen bei voll erhaltener Einsicht. Zuerst wurde ihm das Passieren der Straße
durch den Zwang verleidet, sich von allen Begegnenden Rechenschaft abzulegen, wohin sie
verschwunden seien; entzog sich einer plötzlich seinem verfolgenden Blick, so blieb ihm die
peinliche Empfindung und die Möglichkeit in Gedanken, er könnte ihn beseitigt haben. Es war
unter anderem eine Kainsphantasie dahinter, denn »alle Menschen sind Brüder«. Wegen der
Unmöglichkeit, diese Aufgabe zu erledigen, gab er das Spazierengehen auf und verbrachte sein
Leben eingekerkert zwischen seinen vier Wänden. In sein Zimmer gelangten aber durch die
Zeitung beständig Nachrichten von Mordtaten, die draußen geschehen waren, und sein Gewissen
wollte ihm in der Form des Zweifels nahelegen, daß er der gesuchte Mörder sei. Die Gewißheit,
daß er ja seit Wochen seine Wohnung nicht verlassen habe, schützte ihn eine Weile gegen diese
Anklagen, bis ihm eines Tages die Möglichkeit durch den Sinn fuhr, daß er sein Haus im
bewußtlosen Zustand verlassen und so den Mord begangen haben könne, ohne etwas davon zu
wissen. Von da an schloß er die Haustür ab, übergab den Schlüssel der alten Haushälterin und
verbot ihr eindringlich, denselben auch nicht auf sein Verlangen in seine Hände gelangen zu
lassen.
Daher stammt also der Erklärungsversuch, daß ich im bewußtlosen Zustande umgestiegen bin –
er ist aus dem Material der Traumgedanken fertig in den Traum eingetragen worden und soll im
Traume offenbar dazu dienen, mich mit der Person jenes Patienten zu identifizieren. Die
637
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin