Seite - 638 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Erinnerung an ihn wurde in mir durch naheliegende Assoziation geweckt. Mit diesem Manne
hatte ich einige Wochen vorher die letzte Nachtreise gemacht. Er war geheilt, begleitete mich in
die Provinz zu seinen Verwandten, die mich beriefen; wir hatten ein Coupé für uns, ließen alle
Fenster die Nacht hindurch offen und hatten uns, solange ich wach blieb, vortrefflich unterhalten.
Ich wußte, daß feindselige Impulse gegen seinen Vater aus seiner Kindheit in sexuellem
Zusammenhange die Wurzel seiner Erkrankung gewesen waren. Indem ich mich also mit ihm
identifizierte, wollte ich mir etwas Analoges eingestehen. Die zweite Szene des Traums löst sich
auch wirklich in eine übermütige Phantasie auf, daß meine beiden ältlichen Reisegefährten sich
darum so abweisend gegen mich benehmen, weil ich sie durch mein Kommen an dem
beabsichtigten nächtlichen Austausch von Zärtlichkeiten gehindert habe. Diese Phantasie aber
geht auf eine frühe Kinderszene zurück, in der das Kind, wahrscheinlich von sexueller Neugierde
getrieben, in das Schlafzimmer der Eltern eindringt und durch das Machtwort des Vaters daraus
vertrieben wird.
Ich halte es für überflüssig, weitere Beispiele zu häufen. Sie würden alle nur bestätigen, was wir
aus den bereits angeführten entnommen haben, daß ein Urteilsakt im Traume nur die
Wiederholung eines Vorbilds aus den Traumgedanken ist. Zumeist eine übel angebrachte, in
unpassendem Zusammenhange eingefügte Wiederholung, gelegentlich aber, wie in unseren
letzten Beispielen, eine so geschickt verwendete, daß man zunächst den Eindruck einer
selbständigen Denktätigkeit im Traume empfangen kann. Von hier aus könnten wir unser
Interesse jener psychischen Tätigkeit zuwenden, die zwar nicht regelmäßig bei der Traumbildung
mitzuwirken scheint, die aber, wo sie es tut, bemüht ist, die nach ihrer Herkunft disparaten
Traumelemente widerspruchsfrei und sinnvoll zu verschmelzen. Wir empfinden es aber vorher
noch als dringlich, uns mit den Affektäußerungen zu beschäftigen, die im Traum auftreten, und
dieselben mit den Affekten zu vergleichen, welche die Analyse in den Traumgedanken aufdeckt.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin