Seite - 644 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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IV
Eine Anhöhe, auf dieser etwas wie ein Abort im Freien, eine sehr lange Bank, an deren Ende ein
großes Abortloch. Die ganz hintere Kante dicht besetzt mit Häufchen Kot von allen Größen und
Stufen der Frische. Hinter der Bank ein Gebüsch. Ich uriniere auf die Bank; ein langer
Harnstrahl spült alles rein, die Kotpatzen lösen sich leicht ab und fallen in die Öffnung. Als ob
am Ende noch etwas übrigbliebe.
Warum empfand ich bei diesem Traume keinen Ekel?
Weil, wie die Analyse zeigt, an dem Zustandekommen dieses Traumes die angenehmsten und
befriedigendsten Gedanken mitgewirkt hatten. Mir fällt in der Analyse sofort der Augiasstall ein,
den Herkules reinigt. Dieser Herkules bin ich. Die Anhöhe und das Gebüsch gehören nach
Aussee, wo jetzt meine Kinder weilen. Ich habe die Kindheitsätiologie der Neurosen aufgedeckt
und dadurch meine eigenen Kinder vor Erkrankung bewahrt. Die Bank ist (bis auf das Abortloch
natürlich) die getreue Nachahmung eines Möbels, das mir eine anhängliche Patientin zum
Geschenk gemacht hat. Sie mahnt mich daran, wie meine Patienten mich ehren. Ja selbst das
Museum menschlicher Exkremente ist einer herzerfreuenden Deutung fähig. Sosehr ich mich dort
davor ekle, im Traume ist es eine Reminiszenz an das schöne Land Italien, in dessen kleinen
Städten bekanntlich die W.C. nicht anders ausgestattet sind. Der Harnstrahl, der alles rein
abspült, ist eine unverkennbare Größenanspielung. So löscht Gulliver bei den Liliputanern den
großen Brand; er zieht sich dadurch allerdings das Mißfallen der allerkleinsten Königin zu. Aber
auch Gargantua, der Übermensch bei Meister Rabelais, nimmt so seine Rache an den Parisern,
indem er auf Notre-Dame reitend seinen Harnstrahl auf die Stadt richtet. In den Garnierschen
Illustrationen zum Rabelais habe ich gerade gestern vor dem Schlafengehen geblättert. Und
merkwürdig wieder ein Beweis, daß ich der Übermensch bin! Die Plattform von Notre-Dame war
mein Lieblingsaufenthalt in Paris; jeden freien Nachmittag pflegte ich auf den Türmen der Kirche
zwischen den Ungetümen und Teufelsfratzen dort herumzuklettern. Daß aller Kot vor dem
Strahle so rasch verschwindet, das ist das Motto: Afflavit et dissipati sunt, mit dem ich einmal den
Abschnitt über Therapie der Hysterie überschreiben werde.
Und nun die wirksame Veranlassung des Traums. Es war ein heißer Nachmittag im Sommer
gewesen, ich hatte in den Abendstunden meine Vorlesung über den Zusammenhang der Hysterie
mit den Perversionen gehalten, und alles, was ich zu sagen wußte, mißfiel mir so gründlich, kam
mir alles Werts entkleidet vor. Ich war müde, ohne Spur von Vergnügen an meiner schweren
Arbeit, sehnte mich weg von diesem Wühlen im menschlichen Schmutz, nach meinen Kindern
und dann nach den Schönheiten Italiens. In dieser Stimmung ging ich vom Hörsaal in ein Café,
um dort in freier Luft einen bescheidenen Imbiß zu nehmen, denn die Eßlust hatte mich
verlassen. Aber einer meiner Hörer ging mit mir; er bat um die Erlaubnis dabeizusitzen, während
ich meinen Kaffee trank und an meinem Kipfel würgte, und begann mir Schmeicheleien zu
sagen. Wieviel er bei mir gelernt und daß er jetzt alles mit anderen Augen ansehe, daß ich den
Augiasstall der Irrtümer und Vorurteile in der Neurosenlehre gereinigt, kurz, daß ich ein sehr
großer Mann sei. Meine Stimmung paßte schlecht zu seinem Lobgesang; ich kämpfte mit dem
Ekel, ging früher heim, um mich loszumachen, blätterte noch vor dem Schlafengehen im
Rabelais und las eine Novelle von C. F. Meyer ›Die Leiden eines Knaben‹.
Aus diesem Material war der Traum hervorgegangen, die Novelle von Meyer brachte die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin