Seite - 647 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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befassen habe; doch hatte ich stets Ferien, war stets auf der Sommerfrische, und so saß ich zur
Aushilfe beim Lehrmeister. Es war mir oft gar unbehaglich, ich bedauerte den Verlust der Zeit, in
welcher ich mich besser und nützlicher zu beschäftigen gewußt hätte. Vom Lehrmeister mußte
ich mir mitunter, wenn etwas nicht ganz nach Maß und Schnitt ausfallen wollte, eine Rüge
gefallen lassen; von einem Wochenlohn jedoch war gar niemals die Rede. Oft, wenn ich mit
gekrümmtem Rücken in der dunklen Werkstatt so dasaß, nahm ich mir vor, die Arbeit zu
kündigen und mich fremd zu machen. Einmal tat ich’s sogar, jedoch der Meister nahm keine
Notiz davon, und nächstens saß ich doch wieder bei ihm und nähte.
Wie mich nach solch langweiligen Stunden das Erwachen beglückte! Und da nahm ich mir vor,
wenn dieser zudringliche Traum sich wieder einmal einstellen sollte, ihn mit Energie von mir zu
werfen und laut auszurufen: es ist nur Gaukelspiel, ich liege im Bette und will schlafen… Und in
der nächsten Nacht saß ich doch wieder in der Schneiderwerkstatt.
So ging es Jahre in unheimlicher Regelmäßigkeit fort. Da war es einmal, als wir, der Meister und
ich, beim Alpelhofer arbeiteten, bei jenem Bauern, wo ich in die Lehre eingetreten war, daß sich
mein Meister ganz besonders unzufrieden mit meinen Arbeiten zeigte. ›Möcht’ nur wissen, wo du
deine Gedanken hast!‹ sagte er und sah mich etwas finster an. Ich dachte, das Vernünftigste wäre,
wenn ich jetzt aufstünde, dem Meister bedeutete, daß ich nur aus Gefälligkeit bei ihm sei, und
wenn ich dann davonging. Aber ich tat es nicht. Ich ließ es mir gefallen, als der Meister einen
Lehrling aufnahm und mir befahl, demselben auf der Bank Platz zu machen. Ich rückte in den
Winkel und nähte. An demselben Tage wurde auch noch ein Geselle aufgenommen, bigott, es
war der Böhm, der vor neunzehn Jahren bei uns gearbeitet hatte und damals auf dem Wege vom
Wirtshause in den Bach gefallen war. Als er sich setzen wollte, war kein Platz da. Ich blickte den
Meister fragend an, und dieser sagte zu mir: ›Du hast ja doch keinen Schick zur Schneiderei, du
kannst gehen, du bist fremd gemacht.‹ – So übermächtig war hierüber mein Schreck, daß ich
erwachte.
Das Morgengrauen schimmerte zu den klaren Fenstern herein in mein trautes Heim. Gegenstände
der Kunst umgaben mich; im stilvollen Bücherschrank harrte meiner der ewige Homer, der
gigantische Dante, der unvergleichliche Shakespeare, der glorreiche Goethe – die Herrlichen, die
Unsterblichen alle. Vom Nebenzimmer her klangen die hellen Stimmchen der erwachenden und
mit ihrer Mutter schäkernden Kinder. Mir war zumute, als hätte ich dieses idyllisch süße, dieses
friedensmilde und poesiereiche, helldurchgeistigte Leben, in welchem ich das beschauliche
menschliche Glück so oft und tief empfand, von neuem wiedergefunden. Und doch wurmte es
mich, daß ich mit der Kündigung meinem Meister nicht zuvorgekommen, sondern von ihm
abgedankt worden war.
Und wie merkwürdig ist mir das: Mit jener Nacht, da mich der Meister ›fremd gemacht‹ hatte,
genieße ich Ruhe, träume nicht mehr von meiner in ferner Vergangenheit liegenden
Schneiderzeit, die in ihrer Anspruchslosigkeit ja so heiter war und die doch einen so langen
Schatten in meine späteren Lebensjahre hereingeworfen hat.«
In dieser Traumreihe des Dichters, der in seinen jungen Jahren Schneidergeselle gewesen war,
fällt es schwer, das Walten der Wunscherfüllung zu erkennen. Alles Erfreuliche liegt im
Tagesleben, während der Traum den gespenstigen Schatten einer endlich überwundenen
unerfreulichen Existenz fortzuschleppen scheint. Eigene Träume von ähnlicher Art haben mich in
den Stand gesetzt, einige Aufklärung über solche Träume zu geben. Ich habe als junger Doktor
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin