Seite - 648 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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lange Zeit im chemischen Institut gearbeitet, ohne es in den dort erforderten Künsten zu etwas
bringen zu können, und denke darum im Wachen niemals gern an diese unfruchtbare und
eigentlich beschämende Episode meines Lernens. Dagegen ist es bei mir ein wiederkehrender
Traum geworden, daß ich im Laboratorium arbeite, Analysen mache, Verschiedenes erlebe usw.;
diese Träume sind ähnlich unbehaglich wie die Prüfungsträume und niemals sehr deutlich. Bei
der Deutung eines dieser Träume wurde ich endlich auf das Wort »Analyse« aufmerksam, das mir
den Schlüssel zum Verständnis bot. Ich bin ja seither »Analytiker« geworden, mache Analysen,
die sehr gelobt werden, allerdings Psychoanalysen. Ich verstand nun: wenn ich auf diese Art von
Analysen im Tagesleben stolz geworden bin, mich vor mir selbst rühmen möchte, wie weit ich es
gebracht habe, hält mir nächtlicherweile der Traum jene anderen mißglückten Analysen vor, auf
die stolz zu sein ich keinen Grund hatte; es sind Strafträume des Emporkömmlings, wie die des
Schneidergesellen, der ein gefeierter Dichter geworden war. Wie wird es aber dem Traume
möglich, sich in dem Konflikt zwischen Parvenüstolz und Selbstkritik in den Dienst der letzteren
zu stellen und eine vernünftige Warnung anstatt einer unerlaubten Wunscherfüllung zum Inhalt
zu nehmen? Ich erwähnte schon, daß die Beantwortung dieser Frage Schwierigkeiten macht. Wir
können erschließen, daß zunächst eine übermütige Ehrgeizphantasie die Grundlage des Traumes
bildete; an ihrer Statt ist aber ihre Dämpfung und Beschämung in den Trauminhalt gelangt. Man
darf daran erinnern, daß es masochistische Tendenzen im Seelenleben gibt, denen man eine
solche Umkehrung zuschreiben darf. Ich könnte nichts dagegen haben, wenn man diese Art von
Träumen als Strafträume von den Wunscherfüllungsträumen abtrennte. Ich würde darin keine
Einschränkung der bisher vertretenen Theorie des Traumes erblicken, sondern bloß ein
sprachliches Entgegenkommen für die Auffassung, welcher das Zusammenfallen von
Gegensätzen fremdartig erscheint. Genaueres Eingehen auf einzelne dieser Träume läßt aber
noch anderes erkennen. In dem undeutlichen Beiwerk eines meiner Laboratoriumsträume hatte
ich gerade jenes Alter, welches mich in das düsterste und erfolgloseste Jahr meiner ärztlichen
Laufbahn versetzte; ich hatte noch keine Stellung und wußte nicht, wie ich mein Leben erhalten
sollte, aber dabei fand sich plötzlich, daß ich die Wahl zwischen mehreren Frauen hatte, die ich
heiraten sollte! Ich war also wieder jung und vor allem, sie war wieder jung, die Frau, die alle
diese schweren Jahre mit mir geteilt hatte. Somit war einer der unablässig nagenden Wünsche des
alternden Mannes als der unbewußte Traumerreger verraten. Der in anderen psychischen
Schichten tobende Kampf zwischen der Eitelkeit und der Selbstkritik hatte zwar den Trauminhalt
bestimmt, aber der tiefer wurzelnde Jugendwunsch hatte ihn allein als Traum möglich gemacht.
Man sagt sich auch manchmal im Wachen: Es ist ja sehr gut heute, und es war einmal eine harte
Zeit; aber es war doch schön damals; du warst ja noch so jung[193].
Eine andere Gruppe von Träumen, die ich bei mir selbst häufig gefunden und als heuchlerisch
erkannt habe, hat zum Inhalt die Versöhnung mit Personen, zu denen die freundschaftlichen
Beziehungen längst erloschen sind. Die Analyse deckt dann regelmäßig einen Anlaß auf, der
mich auffordern könnte, den letzten Rest von Rücksicht auf diese ehemaligen Freunde beiseite zu
setzen und sie wie Fremde oder wie Feinde zu behandeln. Der Traum aber gefällt sich darin, die
gegensätzliche Relation auszumalen.
Bei der Beurteilung von Träumen, die ein Dichter mitteilt, darf man oft genug annehmen, daß er
solche als störend empfundene und für unwesentlich erachtete Einzelheiten des Trauminhalts von
der Mitteilung ausgeschlossen hat. Seine Träume geben uns dann Rätsel auf, die bei exakter
Wiedergabe des Trauminhalts bald zu lösen wären.
O. Rank machte mich auch aufmerksam, daß im Grimmschen Märchen vom tapferen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin