Seite - 650 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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übereinstimmend mit vielen anderen, die unparteiisch sind. Ich kann aber die Beobachtung
machen, daß meine Befriedigung intensiver ausfällt als die der anderen; sie hat einen Zuzug aus
der Quelle meines Hasses erhalten, der bis dahin von der inneren Zensur verhindert war, Affekt
zu liefern, unter den geänderten Verhältnissen aber nicht mehr gehindert wird. Dieser Fall trifft in
der Gesellschaft allgemein zu, wo antipathische Personen oder Angehörige einer ungern
gesehenen Minorität eine Schuld auf sich laden. Ihre Bestrafung entspricht dann gewöhnlich
nicht ihrem Verschulden, sondern dem Verschulden vermehrt um das bisher effektlose
Übelwollen, das sich gegen sie richtet. Die Strafenden begehen dabei zweifellos eine
Ungerechtigkeit; sie werden aber an der Wahrnehmung derselben gehindert durch die
Befriedigung, welche ihnen die Aufhebung einer lange festgehaltenen Unterdrückung in ihrem
Inneren bereitet. In solchen Fällen ist der Affekt seiner Qualität nach zwar berechtigt, aber nicht
sein Ausmaß; und die in dem einen Punkt beruhigte Selbstkritik vernachlässigt nur zu leicht die
Prüfung des zweiten Punktes. Wenn einmal die Türe geöffnet ist, so drängen sich leicht mehr
Leute durch, als man ursprünglich einzulassen beabsichtigte.
Der auffällige Zug des neurotischen Charakters, daß affektfähige Anlässe bei ihm eine Wirkung
erzielen, die, qualitativ berechtigt, quantitativ über das Maß hinausgeht, erklärt sich auf diese
Weise, soweit er überhaupt eine psychologische Erklärung zuläßt. Der Überschuß rührt aber aus
unbewußt gebliebenen, bis dahin unterdrückten Affektquellen her, die mit dem realen Anlaß eine
assoziative Verbindung herstellen können und für deren Affektentbindung die einspruchsfreie
und zugelassene Affektquelle die erwünschte Bahnung eröffnet. Wir werden so aufmerksam
gemacht, daß wir zwischen der unterdrückten und der unterdrückenden seelischen Instanz nicht
ausschließlich die Beziehungen gegenseitiger Hemmung ins Auge fassen dürfen. Ebensoviel
Beachtung verdienen die Fälle, in denen die beiden Instanzen durch Zusammenwirken, durch
gegenseitige Verstärkung, einen pathologischen Effekt zustande bringen. Diese andeutenden
Bemerkungen über psychische Mechanik wolle man nun zum Verständnis der Affektäußerungen
des Traumes verwenden. Eine Befriedigung, die sich im Traume kundgibt und die natürlich
alsbald an ihrer Stelle in den Traumgedanken aufzufinden ist, ist durch diesen Nachweis allein
nicht immer vollständig aufgeklärt. In der Regel wird man für sie eine zweite Quelle in den
Traumgedanken aufzusuchen haben, auf welcher der Druck der Zensur lastet und die unter
diesem Drucke nicht Befriedigung, sondern den gegenteiligen Affekt ergeben hätte, die aber
durch die Anwesenheit der ersten Traumquelle in den Stand gesetzt wird, ihren
Befriedigungsaffekt der Verdrängung zu entziehen und als Verstärkung zu der Befriedigung aus
anderer Quelle stoßen zu lassen. So erscheinen die Affekte im Traume als zusammengefaßt aus
mehreren Zuflüssen und als überdeterminiert in bezug auf das Material der Traumgedanken;
Affektquellen, die den nämlichen Affekt liefern können, treten bei der Traumarbeit zur Bildung
desselben zusammen[194].
Ein wenig Einblick in diese verwickelten Verhältnisse erhält man durch die Analyse des schönen
Traumes, in dem »Non vixit« den Mittelpunkt bildet (vgl. S. 408 ff.). In diesem Traum sind die
Affektäußerungen von verschiedener Qualität an zwei Stellen des manifesten Inhalts
zusammengedrängt. Feindselige und peinliche Regungen (im Traume selbst heißt es »von
merkwürdigen Affekten ergriffen«) überlagern einander dort, wo ich den gegnerischen Freund
mit den beiden Worten vernichte. Am Ende des Traumes bin ich ungemein erfreut und urteile
dann anerkennend über eine im Wachen als absurd erkannte Möglichkeit, daß es nämlich
Revenants gibt, die man durch den bloßen Wunsch beseitigen kann.
Ich habe die Veranlassung dieses Traumes noch nicht mitgeteilt. Sie ist eine wesentliche und
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin