Seite - 652 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Der in der Gegenwart geringfügige Ärger über die Mahnung, nichts zu verraten, holt sich aber
Verstärkungen aus in der Tiefe fließenden Quellen und schwillt so zu einem Strom feindseliger
Regungen gegen in Wirklichkeit geliebte Personen an. Die Quelle, welche die Verstärkung
liefert, fließt im Infantilen. Ich habe schon erzählt, daß meine warmen Freundschaften wie meine
Feindschaften mit Gleichalterigen auf meinen Kinderverkehr mit einem um ein Jahr älteren
Neffen zurückgehen, in dem er der Überlegene war, ich mich frühzeitig zur Wehre setzen lernte,
wir unzertrennlich miteinander lebten und einander liebten, dazwischen, wie Mitteilungen älterer
Personen bezeugen, uns rauften und – verklagten. Alle meine Freunde sind in gewissem Sinne
Inkarnationen dieser ersten Gestalt, die »früh sich einst dem trüben Blick gezeigt«, Revenants.
Mein Neffe selbst kam in den Jünglingsjahren wieder, und damals führten wir Cäsar und Brutus
miteinander auf. Ein intimer Freund und ein gehaßter Feind waren mir immer notwendige
Erfordernisse meines Gefühlslebens; ich wußte beide mir immer von neuem zu verschaffen, und
nicht selten stellte sich das Kindheitsideal so weit her, daß Freund und Feind in dieselbe Person
zusammenfielen, natürlich nicht mehr gleichzeitig oder in mehrfach wiederholter Abwechslung,
wie es in den ersten Kinderjahren der Fall gewesen sein mag.
Auf welche Weise bei so bestehenden Zusammenhängen ein rezenter Anlaß zum Affekt bis auf
den infantilen zurückgreifen kann, um sich durch ihn für die Affektwirkung zu ersetzen, das
möchte ich hier nicht verfolgen. Es gehört der Psychologie des unbewußten Denkens an und
fände seine Stelle in einer psychologischen Aufklärung der Neurosen. Nehmen wir für unsere
Zwecke der Traumdeutung an, daß sich eine Kindererinnerung einstellt oder eine solche
phantastisch gebildet wird etwa folgenden Inhalts: Die beiden Kinder geraten in Streit
miteinander um ein Objekt – welches, lassen wir dahingestellt, obwohl die Erinnerung oder
Erinnerungstäuschung ein ganz bestimmtes im Auge hat –; ein jeder behauptet, er sei früher
gekommen, habe also das Vorrecht darauf; es kommt zur Schlägerei, Macht geht vor Recht; nach
den Andeutungen des Traums könnte ich gewußt haben, daß ich im Unrecht bin (den Irrtum
selbst bemerkend); ich bleibe aber diesmal der Stärkere, behaupte das Schlachtfeld, der
Unterlegene eilt zum Vater, respektive Großvater, verklagt mich, und ich verteidige mich mit den
mir durch die Erzählung des Vaters bekannten Worten: Ich habe ihn gelagt, weil er mich gelagt
hat, so ist diese Erinnerung oder wahrscheinlicher Phantasie, die sich mir während der Analyse
des Traums – ohne weitere Gewähr, ich weiß selbst nicht wie – aufdrängt, ein Mittelstück der
Traumgedanken, das die in den Traumgedanken waltenden Affektregungen, wie eine
Brunnenschale die zugeleiteten Gewässer, sammelt. Von hier aus fließen die Traumgedanken in
folgenden Wegen: Es geschieht dir ganz recht, daß du mir den Platz hast räumen müssen; warum
hast du mich vom Platze verdrängen wollen? Ich brauche dich nicht, ich werde mir schon einen
anderen verschaffen, mit dem ich spiele usw. Dann eröffnen sich die Wege, auf denen diese
Gedanken wieder in die Traumdarstellung einmünden. Ein solches »Ôte-toi que je m’y mette«
mußte ich seinerzeit meinem verstorbenen Freunde Josef zum Vorwurf machen. Er war in meine
Fußstapfen als Aspirant im Brückeschen Laboratorium getreten, aber dort war das Avancement
langwierig. Keiner der beiden Assistenten rückte von der Stelle, die Jugend wurde ungeduldig.
Mein Freund, der seine Lebenszeit begrenzt wußte und den kein intimes Verhältnis an seinen
Vordermann band, gab seiner Ungeduld gelegentlich lauten Ausdruck. Da dieser Vordermann ein
Schwerkranker war, konnte der Wunsch, ihn beseitigt zu wissen, außer dem Sinn: durch eine
Beförderung, auch eine anstößige Nebendeutung zulassen. Natürlich war bei mir einige Jahre
vorher der nämliche Wunsch, eine freigewordene Stelle einzunehmen, noch viel lebhafter
gewesen; wo immer es in der Welt Rangordnung und Beförderung gibt, ist ja der Weg für der
Unterdrückung bedürftige Wünsche eröffnet. Shakespeares Prinz Hai kann sich nicht einmal am
Bett des kranken Vaters der Versuchung entziehen, einmal zu probieren, wie ihm die Krone steht.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin