Seite - 653 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Aber der Traum straft, wie begreiflich, diesen rücksichtslosen Wunsch nicht an mir, sondern an
ihm[196].
»Weil er herrschsüchtig war, darum erschlug ich ihn.« Weil er nicht erwarten konnte, daß ihm
der andere den Platz räume, darum ist er selbst hinweggeräumt worden. Diese Gedanken hege ich
unmittelbar, nachdem ich in der Universität der Enthüllung des dem anderen gesetzten Denkmals
beigewohnt habe. Ein Teil meiner im Traume verspürten Befriedigung deutet sich also: Gerechte
Strafe; es ist dir recht geschehen.
Bei dem Leichenbegängnis dieses Freundes machte ein junger Mann die unpassend scheinende
Bemerkung: Der Redner habe so gesprochen, als ob jetzt die Welt ohne den einen Menschen
nicht mehr bestehen könne. Es regte sich in ihm die Auflehnung des wahrhaften Menschen, dem
man den Schmerz durch Übertreibung stört. Aber an diese Rede knüpfen sich die
Traumgedanken an: Es ist wirklich niemand unersetzlich; wie viele habe ich schon zum Grabe
geleitet; ich aber lebe noch, ich habe sie alle überlebt, ich behaupte den Platz. Ein solcher
Gedanke im Moment, da ich fürchte, meinen Freund nicht mehr unter den Lebenden anzutreffen,
wenn ich zu ihm reise, läßt nur die weitere Entwicklung zu, daß ich mich freue, wieder jemanden
zu überleben, daß nicht ich gestorben bin, sondern er, daß ich den Platz behaupte wie damals in
der phantasierten Kinderszene. Diese aus dem Infantilen kommende Befriedigung darüber, daß
ich den Platz behaupte, deckt den Hauptanteil des in den Traum aufgenommenen Affekts. Ich
freue mich darüber, daß ich überlebe, ich äußere das mit dem naiven Egoismus der Anekdote
zwischen Ehegatten: »Wenn eines von uns stirbt, übersiedle ich nach Paris.« Es ist für meine
Erwartung so selbstverständlich, daß nicht ich der eine bin.
Man kann sich’s nicht verbergen, daß schwere Selbstüberwindung dazugehört, seine Träume zu
deuten und mitzuteilen. Man muß sich als den einzigen Bösewicht enthüllen unter all den Edlen,
mit denen man das Leben teilt. Ich finde es also ganz begreiflich, daß die Revenants nur so lange
bestehen, als man sie mag, und daß sie durch den Wunsch beseitigt werden können. Das ist also
das, wofür mein Freund Josef gestraft worden ist. Die Revenants sind aber die
aufeinanderfolgenden Inkarnationen meines Kindheitsfreundes; ich bin also auch befriedigt
darüber, daß ich mir diese Person immer wieder ersetzt habe, und auch für den, den ich jetzt zu
verlieren im Begriffe bin, wird sich der Ersatz schon finden. Es ist niemand unersetzlich.
Wo bleibt hier aber die Traumzensur? Warum erhebt sie nicht den energischsten Widerspruch
gegen diesen Gedankengang der rohesten Selbstsucht und verwandelt die an ihm haftende
Befriedigung nicht in schwere Unlust? Ich meine, weil andere einwurfsfreie Gedankenzüge über
die nämlichen Personen gleichfalls in Befriedigung ausgehen und mit ihrem Affekt jenen aus der
verbotenen infantilen Quelle decken. In einer anderen Schicht von Gedanken habe ich mir bei
jener feierlichen Denkmalenthüllung gesagt: Ich habe so viele teure Freunde verloren, die einen
durch Tod, die anderen durch Auflösung der Freundschaft; es ist doch schön, daß sie sich mir
ersetzt haben, daß ich den einen gewonnen habe, der mir mehr bedeutet, als die anderen konnten,
und den ich jetzt in dem Alter, wo man nicht mehr leicht neue Freundschaften schließt, für immer
festhalten werde. Die Befriedigung, daß ich diesen Ersatz für die verlorenen Freunde gefunden
habe, darf ich ungestört in den Traum hinübernehmen, aber hinter ihr schleicht sich die
feindselige Befriedigung aus infantiler Quelle mit ein. Die infantile Zärtlichkeit hilft sicherlich
die heute berechtigte verstärken; aber auch der infantile Haß hat sich seinen Weg in die
Darstellung gebahnt.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin