Seite - 654 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Im Traume ist aber außerdem ein deutlicher Hinweis auf einen anderen Gedankengang enthalten,
der in Befriedigung auslaufen darf. Mein Freund hat kurz vorher nach langem Warten ein
Töchterchen bekommen. Ich weiß, wie sehr er seine früh verlorene Schwester betrauert hat, und
schreibe ihm, auf dieses Kind würde er die Liebe übertragen, die er zur Schwester empfunden;
dieses kleine Mädchen würde ihn den unersetzlichen Verlust endlich vergessen machen.
So knüpft auch diese Reihe wieder an den Zwischengedanken des latenten Trauminhalts an, von
dem die Wege nach entgegengesetzten Richtungen auseinandergehen: Es ist niemand
unersetzlich. Sieh’, nur Revenants; alles was man verloren hat, kommt wieder. Und nun werden
die assoziativen Bande zwischen den widerspruchsvollen Bestandteilen der Traumgedanken
enger angezogen durch den zufälligen Umstand, daß die kleine Tochter meines Freundes
denselben Namen trägt wie meine eigene kleine Jugendgespielin, die mit mir gleichalterige
Schwester meines ältesten Freundes und Gegners. Ich habe den Namen »Pauline« mit
Befriedigung gehört, und um auf dieses Zusammentreffen anzuspielen, habe ich im Traum einen
Josef durch einen anderen Josef ersetzt und fand es unmöglich, den gleichen Anlaut in den
Namen Fleischl und Fl. zu unterdrücken. Von hier aus läuft dann ein Gedankenfaden zur
Namengebung bei meinen eigenen Kindern. Ich hielt darauf, daß ihre Namen nicht nach der
Mode des Tages gewählt, sondern durch das Andenken an teure Personen bestimmt sein sollten.
Ihre Namen machen die Kinder zu »Revenants«. Und schließlich, ist Kinder haben nicht für uns
alle der einzige Zugang zur Unsterblichkeit?
Über die Affekte des Traums werde ich nur noch wenige Bemerkungen von einem anderen
Gesichtspunkte aus anfügen. In der Seele des Schlafenden kann eine Affektneigung – was wir
Stimmung heißen – als dominierendes Element enthalten sein und dann den Traum
mitbestimmen. Diese Stimmung kann aus den Erlebnissen und Gedankengängen des Tages
hervorgehen, sie kann somatische Quellen haben; in beiden Fällen wird sie von ihr
entsprechenden Gedankengängen begleitet sein. Daß dieser Vorstellungsinhalt der
Traumgedanken das eine Mal primär die Affektneigung bedingt, das andere Mal sekundär durch
die somatisch zu erklärende Gefühlsdisposition geweckt wird, bleibt für die Traumbildung
gleichgültig. Dieselbe steht alle Male unter der Einschränkung, daß sie nur darstellen kann, was
Wunscherfüllung ist, und daß sie nur dem Wunsche ihre psychische Triebkraft entlehnen kann.
Die aktuell vorhandene Stimmung wird dieselbe Behandlung erfahren wie die aktuell während
des Schlafes auftauchende Sensation (vgl. S. 242), die entweder vernachlässigt wird oder im
Sinne einer Wunscherfüllung umgedeutet. Peinliche Stimmungen während des Schlafes werden
zu Triebkräften des Traumes, indem sie energische Wünsche wecken, die der Traum erfüllen soll.
Das Material, an dem sie haften, wird so lange umgearbeitet, bis es zum Ausdruck der
Wunscherfüllung verwendbar ist. Je intensiver und je dominierender das Element der peinlichen
Stimmung in den Traumgedanken ist, desto sicherer werden die stärkst unterdrückten
Wunschregungen die Gelegenheit, zur Darstellung zu kommen, benützen, da sie durch die
aktuelle Existenz der Unlust, die sie sonst aus eigenem erzeugen müßten, den schwereren Teil der
Arbeit für ihr Durchdringen zur Darstellung bereits erledigt finden, und mit diesen Erörterungen
streifen wir wieder das Problem der Angstträume, die sich als der Grenzfall für die Traumleistung
herausstellen werden.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin