Seite - 655 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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I
Die sekundäre Bearbeitung
Wir wollen endlich an die Hervorhebung des vierten der bei der Traumbildung beteiligten
Momente gehen.
Setzt man die Untersuchung des Trauminhalts in der vorhin eingeleiteten Weise fort, indem man
auffällige Vorkommnisse im Trauminhalt auf ihre Herkunft aus den Traumgedanken prüft, so
stößt man auch auf Elemente, für deren Aufklärung es einer völlig neuen Annahme bedarf. Ich
erinnere an die Fälle, wo man sich im Traume wundert, ärgert, sträubt, und zwar gegen ein Stück
des Trauminhalts selbst. Die meisten dieser Regungen von Kritik im Traum sind nicht gegen den
Trauminhalt gerichtet, sondern erweisen sich als übernommene und passend verwendete Teile
des Traummaterials, wie ich an geeigneten Beispielen dargelegt habe. Einiges der Art fügt sich
aber einer solchen Ableitung nicht; man kann das Korrelat dazu im Traummaterial nicht
auffinden. Was bedeutet z. B. die im Traum nicht gar seltene Kritik: Das ist ja nur ein Traum?
Dies ist eine wirkliche Kritik des Traums, wie ich sie im Wachen üben könnte. Gar nicht selten
ist sie auch nur die Vorläuferin des Erwachens; noch häufiger geht ihr selbst ein peinliches
Gefühl vorher, das sich nach der Konstatierung des Traumzustandes beruhigt. Der Gedanke:
»Das ist ja nur ein Traum« während des Traumes beabsichtigt aber dasselbe, was er auf offener
Bühne im Munde der schönen Helena von Offenbach besagen soll; er will die Bedeutung des
eben Erlebten herabdrücken und die Duldung des Weiteren ermöglichen. Er dient zur
Einschläferung einer gewissen Instanz, die in dem gegebenen Moment alle Veranlassung hätte,
sich zu regen und die Fortsetzung des Traums – oder der Szene – zu verbieten. Es ist aber
bequemer, weiterzuschlafen und den Traum zu dulden, »weil’s doch nur ein Traum ist«. Ich stelle
mir vor, daß die verächtliche Kritik: Es ist ja nur ein Traum, dann im Traum auftritt, wenn die
niemals ganz schlafende Zensur sich durch den bereits zugelassenen Traum überrumpelt fühlt. Es
ist zu spät, ihn zu unterdrücken, somit begegnet sie mit jener Bemerkung der Angst, oder der
peinlichen Empfindung, welche sich auf den Traum hin erhebt. Es ist eine Äußerung des esprit
d’escalier von Seiten der psychischen Zensur.
An diesem Beispiel haben wir aber einen einwandfreien Beweis dafür, daß nicht alles, was der
Traum enthält, aus den Traumgedanken stammt, sondern daß eine psychische Funktion, die von
unserem wachen Denken nicht zu unterscheiden ist, Beiträge zum Trauminhalt liefern kann. Es
fragt sich nun, kommt dies nur ganz ausnahmsweise vor, oder kommt der sonst nur als Zensur
tätigen psychischen Instanz ein regelmäßiger Anteil an der Traumbildung zu?
Man muß sich ohne Schwanken für das letztere entscheiden. Es ist unzweifelhaft, daß die
zensurierende Instanz, deren Einfluß wir bisher nur in Einschränkungen und Auslassungen im
Trauminhalte erkannten, auch Einschaltungen und Vermehrungen desselben verschuldet. Diese
Einschaltungen sind oft leicht kenntlich; sie werden zaghaft berichtet, mit einem »als ob«
eingeleitet, haben an und für sich keine besonders hohe Lebhaftigkeit und sind stets an Stellen
angebracht, wo sie zur Verknüpfung zweier Stücke des Trauminhalts, zur Anbahnung eines
Zusammenhangs zwischen zwei Traumpartien dienen können. Sie zeigen eine geringere
Haltbarkeit im Gedächtnis als die echten Abkömmlinge des Traummaterials; unterliegt der
Traum dem Vergessen, so fallen sie zuerst aus, und ich hege die starke Vermutung, daß unsere
häufige Klage, wir hätten soviel geträumt, das meiste davon vergessen und nur Bruchstücke
behalten, auf dem alsbaldigen Ausfall gerade dieser Kittgedanken beruht. Bei vollständiger
655
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin