Seite - 656 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Analyse verraten sich diese Einschaltungen manchmal dadurch, daß sich zu ihnen kein Material
in den Traumgedanken findet. Doch muß ich bei sorgfältiger Prüfung diesen Fall als den
selteneren bezeichnen; zumeist lassen sich die Schaltgedanken immerhin auf Material in den
Traumgedanken zurückführen, welches aber weder durch seine eigene Wertigkeit noch durch
Überdeterminierung Anspruch auf Aufnahme in den Traum erheben könnte. Die psychische
Funktion bei der Traumbildung, die wir jetzt betrachten, erhebt sich, wie es scheint, nur im
äußersten Falle zu Neuschöpfungen; solange es noch möglich ist, verwertet sie, was sie
Taugliches im Traummaterial auswählen kann.
Was dieses Stück der Traumarbeit auszeichnet und verrät, ist seine Tendenz. Diese Funktion
verfährt ähnlich, wie es der Dichter boshaft vom Philosophen behauptet: mit ihren Fetzen und
Flicken stopft sie die Lücken im Aufbau des Traums. Die Folge ihrer Bemühung ist, daß der
Traum den Anschein der Absurdität und Zusammenhangslosigkeit verliert und sich dem Vorbilde
eines verständlichen Erlebnisses annähert. Aber die Bemühung ist nicht jedesmal vom vollen
Erfolge gekrönt. Es kommen so Träume zustande, die für die oberflächliche Betrachtung tadellos
logisch und korrekt erscheinen mögen; sie gehen von einer möglichen Situation aus, führen
dieselbe durch widerspruchsfreie Veränderungen fort und bringen es, wiewohl dies am seltensten,
zu einem nicht befremdenden Abschluß. Diese Träume haben die tiefgehendste Bearbeitung
durch die dem wachen Denken ähnliche psychische Funktion erfahren; sie scheinen einen Sinn zu
haben, aber dieser Sinn ist von der wirklichen Bedeutung des Traums auch am weitesten entfernt.
Analysiert man sie, so überzeugt man sich, daß hier die sekundäre Bearbeitung des Traums am
freiesten mit dem Material umgesprungen ist, am wenigsten von dessen Relationen beibehalten
hat. Es sind das Träume, die sozusagen schon einmal gedeutet worden sind, ehe wir sie im
Wachen der Deutung unterziehen. In anderen Träumen ist diese tendenziöse Bearbeitung nur ein
Stück weit gelungen; so weit scheint Zusammenhang zu herrschen, dann wird der Traum
unsinnig oder verworren, vielleicht um sich noch ein zweites Mal in seinem Verlaufe zum
Anschein des Verständigen zu erheben. In anderen Träumen hat die Bearbeitung überhaupt
versagt; wir stehen wie hilflos einem sinnlosen Haufen von Inhaltsbrocken gegenüber.
Ich möchte dieser vierten den Traum gestaltenden Macht, die uns ja bald als eine bekannte
erscheinen wird – sie ist in Wirklichkeit die einzige uns auch sonst vertraute unter den vier
Traumbildnern –, ich möchte diesem vierten Momente also die Fähigkeit, schöpferisch neue
Beiträge zum Traume zu liefern, nicht peremptorisch absprechen. Sicherlich aber äußert sich
auch ihr Einfluß, wie der der anderen, vorwiegend in der Bevorzugung und Auswahl von bereits
gebildetem psychischen Material in den Traumgedanken. Es gibt nun einen Fall, in dem ihr die
Arbeit, an den Traum gleichsam eine Fassade anzubauen, zum größeren Teil dadurch erspart
bleibt, daß im Material der Traumgedanken ein solches Gebilde, seiner Verwendung harrend,
bereits fertig vorgefunden wird. Das Element der Traumgedanken, das ich im Auge habe, pflege
ich als »Phantasie« zu bezeichnen; ich gehe vielleicht Mißverständnissen aus dem Wege, wenn
ich sofort als das Analoge aus dem Wachleben den Tagtraum namhaft mache[197]. Die Rolle
dieses Elements in unserem Seelenleben ist von den Psychiatern noch nicht erschöpfend erkannt
und aufgedeckt worden; M. Benedikt hat mit dessen Würdigung einen, wie mir scheint,
vielversprechenden Anfang gemacht. Dem unbeirrten Scharfblick der Dichter ist die Bedeutung
des Tagtraums nicht entgangen; allgemein bekannt ist die Schilderung, die A. Daudet im Nabab
von den Tagträumen einer der Nebenfiguren des Romans entwirft. Das Studium der
Psychoneurosen führt zur überraschenden Erkenntnis, daß diese Phantasien oder Tagträume die
nächsten Vorstufen der hysterischen Symptome – wenigstens einer ganzen Reihe von ihnen –
sind; nicht an den Erinnerungen selbst, sondern an den auf Grund der Erinnerungen aufgebauten
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin