Seite - 659 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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vorgefundenen Phantasie bedient, anstatt eine solche erst aus dem Material der Traumgedanken
zusammenzusetzen, so lösen wir mit dieser Einsicht vielleicht eines der interessantesten Rätsel
des Traumes. Ich habe auf S. 52 f. den Traum von Maury erzählt, der, von einem Brettchen im
Genick getroffen, mit einem langen Traum, einem kompletten Roman aus den Zeiten der großen
Revolution, erwacht. Da der Traum für zusammenhängend ausgegeben wird und ganz auf die
Erklärung des Weckreizes angelegt ist, von dessen Eintreffen der Schläfer nichts ahnen konnte,
so scheint nur die eine Annahme übrigzubleiben, daß der ganze reiche Traum in dem kurzen
Zeitraume zwischen dem Auffallen des Brettes auf Maurys Halswirbel und seinem durch diesen
Schlag erzwungenen Erwachen komponiert worden und stattgefunden haben muß. Wir würden
uns nicht getrauen, der Denkarbeit im Wachen eine solche Raschheit zuzuschreiben, und
gelangten so dazu, der Traumarbeit eine bemerkenswerte Beschleunigung des Ablaufs als
Vorrecht zuzugestehen.
Gegen diese rasch populär gewordene Folgerung haben neuere Autoren (Le Lorrain, 1894 und
1895, Egger, 1895, u. a.) lebhaften Einspruch erhoben. Sie zweifeln teils die Exaktheit des
Traumberichts von Seiten Maurys an, teils versuchen sie darzutun, daß die Raschheit unserer
wachen Denkleistungen nicht hinter dem zurückbleibt, was man der Traumleistung
ungeschmälert lassen kann. Die Diskussion rollt prinzipielle Fragen auf, deren Erledigung mir
nicht nahe bevorzustehen scheint. Ich muß aber bekennen, daß die Argumentation, z.
B. Eggers,
gerade gegen den Guillotinentraum Maurys mir keinen überzeugenden Eindruck gemacht hat. Ich
würde folgende Erklärung dieses Traumes vorschlagen: Wäre es denn so sehr unwahrscheinlich,
daß der Traum Maurys eine Phantasie darstellt, die in seinem Gedächtnis seit Jahren fertig
aufbewahrt war und in dem Momente geweckt – ich möchte sagen: angespielt – wurde, da er den
Weckreiz erkannte? Es entfällt dann zunächst die ganze Schwierigkeit, eine so lange Geschichte
mit all ihren Einzelheiten in dem überaus kurzen Zeitraum, der hier dem Träumer zur Verfügung
steht, zu komponieren; sie war bereits komponiert. Hätte das Holz Maurys Nacken im Wachen
getroffen, so wäre etwa Raum für den Gedanken gewesen: Das ist ja geradeso, als ob man
guillotiniert würde. Da er aber im Schlaf von dem Brette getroffen wird, so benützt die
Traumarbeit den anlangenden Reiz rasch zur Herstellung einer Wunscherfüllung, als ob sie
denken würde (dies ist durchaus figürlich zu nehmen): »Jetzt ist eine gute Gelegenheit, die
Wunschphantasie wahr zu machen, die ich mir zu der und der Zeit bei der Lektüre gebildet
habe.« Daß der geträumte Roman gerade ein solcher ist, wie ihn der Jüngling unter mächtig
erregenden Eindrücken zu bilden pflegt, scheint mir nicht bestreitbar. Wer hätte sich nicht
gefesselt gefühlt – und zumal als Franzose und Kulturhistoriker – durch die Schilderungen aus
der Zeit des Schreckens, in der der Adel, Männer und Frauen, die Blüte der Nation, zeigte, wie
man mit heiterer Seele sterben kann, die Frische ihres Witzes und die Feinheit ihrer
Lebensformen bis zur verhängnisvollen Abberufung festhielt? Wie verlockend, sich da mitten
hinein zu phantasieren als einer der jungen Männer, die sich mit einem Handkuß von der Dame
verabschieden, um unerschrocken das Gerüst zu besteigen! Oder wenn der Ehrgeiz das
Hauptmotiv des Phantasierens gewesen ist, sich in eine jener gewaltigen Individualitäten zu
versetzen, die nur durch die Macht ihrer Gedanken und ihrer flammenden Beredsamkeit die Stadt
beherrschen, in der damals das Herz der Menschheit krampfhaft schlägt, die Tausende von
Menschen aus Überzeugung in den Tod schicken und die Umwandlung Europas anbahnen, dabei
selbst ihrer Häupter nicht sicher sind und sie eines Tages unter das Messer der Guillotine legen,
etwa in die Rolle der Girondisten oder des Heros Danton? Daß die Phantasie Maurys eine solche
ehrgeizige gewesen ist, darauf scheint der in der Erinnerung erhaltene Zug hinzuweisen »von
einer unübersehbaren Menschenmenge begleitet«.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin