Seite - 662 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Stellen der Inschrift lassen wir uns mit dem Anscheine von verwitterten Partien oder von Lücken
der Inschrift über die Sinnlosigkeit der vereinzelt stehenden Buchstaben hinwegtäuschen. Wenn
wir dem Scherze nicht aufsitzen wollen, müssen wir uns über alle Requisite einer Inschrift
hinwegsetzen, die Buchstaben ins Auge fassen und sie unbekümmert um die gebotene
Anordnung zu Worten unserer Muttersprache zusammensetzen.
Die sekundäre Bearbeitung ist jenes Moment der Traumarbeit, welches von den meisten Autoren
bemerkt und in seiner Bedeutung gewürdigt worden ist. In heiterer Verbildlichung schildert
H. Ellis dessen Leistung (1911, Einleitung, 10):
»Wir können uns die Sache tatsächlich so denken, daß das Schlafbewußtsein zu sich sagt: Hier
kommt unser Meister, das Wachbewußtsein, der ungeheuer viel Wert auf Vernunft, Logik u.
dgl.
legt. Schnell! Faß die Dinge an, bringe sie in Ordnung, jede Anordnung genügt – ehe er eintritt,
um vom Schauplatze Besitz zu ergreifen.«
Die Identität dieser Arbeitsweise mit der des wachen Denkens wird besonders klar von Delacroix
(1904, 926) behauptet:
»Cette fonction d’interprétation n’est pas particulière au rêve; c’est le même travail de
coordination logique que nous faisons sur nos sensations pendant la veille.«
J. Sully vertritt dieselbe Auffassung. Ebenso Tobowolska:
»Sur ces successions incohérentes d’hallucinations, l’esprit s’efforce de faire le même travail de
coordination logique qu’il fait pendant la veille sur les sensations. Il relie entre elles par un lien
imaginaire toutes ces images décousues et bouche les écarts trop grands qui se trouvaient entre
elles.« (1900, 93.)
Einige Autoren lassen diese ordnende und deutende Tätigkeit noch während des Träumens
beginnen und im Wachen fortgesetzt werden. So Paulhan (1894, 546):
»Cependant j’ai souvent pensé qu’il pouvait y avoir une certaine déformation, ou plutôt
reformation, du rêve dans le souvenir… La tendence systématisante de l’imagination pourrait
fort bien achever après le réveil ce qu’elle a ébauché pendant le sommeil. De la sorte, la rapidité
réelle de la pensée serait augmentée en apparence par les perfectionnements dus à l’imagination
éveillée.«
Leroy et Tobowolska (1901, 592):
»Dans le rêve, au contraire, l’interprétation et la coordination se font non seulement à l’aide des
données du rêve, mais encore à l’aide de celles de la veille…«
Es konnte dann nicht ausbleiben, daß dieses einzig erkannte Moment der Traumbildung in seiner
Bedeutung überschätzt wurde, so daß man ihm die ganze Leistung, den Traum geschaffen zu
haben, zuschob. Diese Schöpfung sollte sich im Moment des Erwachens vollziehen, wie es
Goblot (1896) und noch weitergehend Foucault (1906) annehmen, die dem Wachdenken die
Fähigkeit zuschreiben, aus den im Schlaf auftauchenden Gedanken den Traum zu bilden.
Leroy et Tobowolska (1901) sagen über diese Auffassung: »On a cru pouvoir placer le rêve au
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin