Seite - 663 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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moment du réveil, et ils ont attribué à la pensée de la veille la fonction de construire le rêve avec
les images présentes dans la pensée du sommeil.«
An die Würdigung der sekundären Bearbeitung schließe ich die eines neuen Beitrags zur
Traumarbeit, den feinsinnige Beobachtungen von H. Silberer aufgezeigt haben. Silberer hat, wie
an anderer Stelle erwähnt (s. S. 339–40), die Umsetzung von Gedanken in Bilder gleichsam in
flagranti erhascht, indem er sich in Zuständen von Müdigkeit und Schlaftrunkenheit zu geistiger
Tätigkeit nötigte. Dann entschwand ihm der bearbeitete Gedanke, und an seiner Statt stellte sich
eine Vision ein, welche sich als der Ersatz des meist abstrakten Gedankens erwies. (Siehe die
Beispiele S. 340.) Bei diesen Versuchen ereignete es sich nun, daß das auftauchende, einem
Traumelement gleichzusetzende Bild etwas anderes darstellte als den der Bearbeitung harrenden
Gedanken, nämlich die Ermüdung selbst, die Schwierigkeit oder Unlust zu dieser Arbeit, also den
subjektiven Zustand und die Funktionsweise der sich mühenden Person anstatt des Gegenstands
ihrer Bemühung. Silberer nannte diesen bei ihm recht häufig eintretenden Fall das »funktionale
Phänomen« zum Unterschiede von dem zu erwartenden »materialen«.
Z. B.: »Ich liege eines Nachmittags äußerst schläfrig auf meinem Sofa, zwinge mich aber, über
ein philosophisches Problem nachzudenken. Ich suche nämlich die Ansichten Kants und
Schopenhauers über die Zeit zu vergleichen. Es gelingt mir infolge meiner Schlaftrunkenheit
nicht, die Gedankengänge beider nebeneinander festzuhalten, was zum Vergleich nötig wäre.
Nach mehreren vergeblichen Versuchen präge ich mir noch einmal die Kantische Ableitung mit
aller Willenskraft ein, um sie dann auf die Schopenhauersche Problemstellung anzuwenden.
Hierauf lenke ich meine Aufmerksamkeit der letzteren zu; als ich jetzt auf Kant zurückgreifen
will, zeigt es sich, daß er mir wieder entschwunden ist, vergebens bemühe ich mich, ihn von
neuem hervorzuholen. Diese vergebliche Bemühung, die in meinem Kopf irgendwo verlegten
Kant-Akten sogleich wiederzufinden, stellt sich mir nun bei geschlossenen Augen plötzlich wie
im Traumbild als anschaulich-plastisches Symbol dar: Ich verlange eine Auskunft von einem
mürrischen Sekretär, der, über einen Schreibtisch gebeugt, sich durch mein Drängen nicht stören
läßt. Sich halb aufrichtend, blickt er mich unwillig und abweisend an.« (Silberer, 1909, 513 f.)
Andere Beispiele, die sich auf das Schwanken zwischen Schlaf und Wachen beziehen.
»Beispiel Nr. 2. – Bedingungen: Morgens beim Erwachen. In einer gewissen Schlaftiefe
(Dämmerzustand) über einen vorherigen Traum nachdenkend, ihn gewissermaßen nach- und
austräumend, fühle ich mich dem Wachbewußtsein näher kommend, ich will jedoch in dem
Dämmerzustand noch verbleiben.
Szene: Ich schreite mit einem Fuß über einen Bach, ziehe ihn aber alsbald wieder zurück,
trachte, herüben zu bleiben.« (Silberer, 1912, 625.) »Beispiel Nr. 6. – Bedingungen wie im
Beispiele Nr. 4. (Er will noch ein wenig liegen bleiben, ohne zu verschlafen.) Ich will mich noch
ein wenig dem Schlafe hingeben.
Szene: Ich verabschiede mich von jemand und vereinbare mit ihm (oder ihr), ihn (sie) bald
wieder zu treffen.«
Das »funktionale« Phänomen, die »Darstellung des Zuständlichen anstatt des Gegenständlichen«,
beobachtete Silberer wesentlich unter den zwei Verhältnissen des Einschlafens und des
Aufwachens. Es ist leicht zu verstehen, daß nur der letztere Fall für die Traumdeutung in Betracht
kommt. Silberer hat an guten Beispielen gezeigt, daß die Endstücke des manifesten Inhalts vieler
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin