Seite - 667 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Es kann kein Zweifel darüber sein, durch welche Eigentümlichkeit dieser kleine Traum unser
Interesse fesselt. Wir haben uns bisher vorwiegend darum gekümmert, worin der geheime Sinn
der Träume besteht, auf welchem Weg derselbe gefunden wird und welcher Mittel sich die
Traumarbeit bedient hat, ihn zu verbergen. Die Aufgaben der Traumdeutung standen bis jetzt im
Mittelpunkte unseres Blickfeldes. Und nun stoßen wir auf diesen Traum, welcher der Deutung
keine Aufgabe stellt, dessen Sinn unverhüllt gegeben ist, und werden aufmerksam, daß dieser
Traum noch immer die wesentlichen Charaktere bewahrt, durch die ein Traum auffällig von
unserem wachen Denken abweicht und unser Bedürfnis nach Erklärung rege macht. Nach der
Beseitigung alles dessen, was die Deutungsarbeit angeht, können wir erst merken, wie
unvollständig unsere Psychologie des Traumes geblieben ist.
Ehe wir aber mit unseren Gedanken diesen neuen Weg einschlagen, wollen wir haltmachen und
zurückschauen, ob wir auf unserer Wanderung bis hieher nichts Wichtiges unbeachtet gelassen
haben. Denn wir müssen uns klar darüber werden, daß die bequeme und behagliche Strecke
unseres Weges hinter uns liegt. Bisher haben alle Wege, die wir gegangen sind, wenn ich nicht
sehr irre, ins Lichte, zur Aufklärung und zum vollen Verständnis geführt; von dem Moment an,
da wir in die seelischen Vorgänge beim Träumen tiefer eindringen wollen, werden alle Pfade ins
Dunkel münden. Wir können es unmöglich dahin bringen, den Traum als psychischen Vorgang
aufzuklären, denn erklären heißt auf Bekanntes zurückführen, und es gibt derzeit keine
psychologische Kenntnis, der wir unterordnen könnten, was sich aus der psychologischen
Prüfung der Träume als Erklärungsgrund erschließen läßt. Wir werden im Gegenteil genötigt
sein, eine Reihe von neuen Annahmen aufzustellen, die den Bau des seelischen Apparats und das
Spiel der in ihm tätigen Kräfte mit Vermutungen streifen und die wir bedacht sein müssen, nicht
zu weit über die erste logische Angliederung auszuspinnen, weil sonst ihr Wert sich ins
Unbestimmbare verläuft. Selbst wenn wir keinen Fehler im Schließen begehen und alle logisch
sich ergebenden Möglichkeiten in Rechnung ziehen, droht uns die wahrscheinliche
Unvollständigkeit im Ansatz der Elemente mit dem völligen Fehlschlagen der Rechnung. Einen
Aufschluß über die Konstruktion und Arbeitsweise des Seeleninstruments wird man durch die
sorgfältigste Untersuchung des Traums oder einer anderen vereinzelten Leistung nicht gewinnen
oder wenigstens nicht begründen können, sondern wird zu diesem Zwecke zusammentragen
müssen, was sich bei dem vergleichenden Studium einer ganzen Reihe von psychischen
Leistungen als konstant erforderlich herausstellt. So werden die psychologischen Annahmen, die
wir aus der Analyse der Traumvorgänge schöpfen, gleichsam an einer Haltestelle warten müssen,
bis sie den Anschluß an die Ergebnisse anderer Untersuchungen gefunden haben, die von einem
anderen Angriffspunkte her zum Kern des nämlichen Problems vordringen wollen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin