Seite - 668 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 668 -
Text der Seite - 668 -
A
Das Vergessen der Träume
Ich meine also, wir wenden uns vorher zu einem Thema, aus dem sich ein bisher unbeachteter
Einwand ableitet, der doch geeignet ist, unseren Bemühungen um die Traumdeutung den Boden
zu entziehen. Es ist uns von mehr als einer Seite vorgehalten worden, daß wir den Traum, den wir
deuten wollen, eigentlich gar nicht kennen, richtiger, daß wir keine Gewähr dafür haben, ihn so
zu kennen, wie er wirklich vorgefallen ist (vgl. S. 70 f.).
Was wir vom Traum erinnern und woran wir unsere Deutungskünste üben, das ist erstens
verstümmelt durch die Untreue unseres Gedächtnisses, welches in ganz besonders hohem Grade
zur Bewahrung des Traumes unfähig scheint, und hat vielleicht gerade die bedeutsamsten Stücke
seines Inhalts eingebüßt. Wir finden uns ja so oft, wenn wir unseren Träumen Aufmerksamkeit
schenken wollen, zur Klage veranlaßt, daß wir viel mehr geträumt haben und leider davon nichts
mehr wissen als dies eine Bruchstück, dessen Erinnerung selbst uns eigentümlich unsicher
vorkommt. Zweitens aber spricht alles dafür, daß unsere Erinnerung den Traum nicht nur
lückenhaft, sondern auch ungetreu und verfälscht wiedergibt. So wie man einerseits daran
zweifeln kann, ob das Geträumte wirklich so unzusammenhängend und verschwommen war, wie
wir es im Gedächtnis haben, so läßt sich anderseits in Zweifel ziehen, ob ein Traum so
zusammenhängend gewesen ist, wie wir ihn erzählen, ob wir bei dem Versuch der Reproduktion
nicht vorhandene oder durch Vergessen geschaffene Lücken mit willkürlich gewähltem, neuem
Material ausfüllen, den Traum ausschmücken, abrunden, zurichten, so daß jedes Urteil unmöglich
wird, was der wirkliche Inhalt unseres Traumes war. Ja, bei einem Autor (Spitta)[202] haben wir
die Mutmaßung gefunden, daß alles, was Ordnung und Zusammenhang ist, überhaupt erst bei
dem Versuch, sich den Traum zurückzurufen, in ihn hineingetragen wird. So sind wir in Gefahr,
daß man uns den Gegenstand selbst aus der Hand winde, dessen Wert zu bestimmen wir
unternommen haben.
Wir haben bei unseren Traumdeutungen bisher diese Warnungen überhört. Ja wir haben im
Gegenteil in den kleinsten, unscheinbarsten und unsichersten Inhaltsbestandteilen des Traumes
die Aufforderung zur Deutung nicht minder vernehmlich gefunden als in dessen deutlich und
sicher erhaltenen. Im Traum von Irmas Injektion hieß es: Ich rufe schnell den Doktor M. herbei,
und wir nahmen an, auch dieser Zusatz wäre nicht in den Traum gelangt, wenn er nicht eine
besondere Ableitung zuließe. So kamen wir zur Geschichte jener unglücklichen Patientin, an
deren Bett ich »schnell« den älteren Kollegen berief. In dem scheinbar absurden Traum, der den
Unterschied von einundfünfzig und sechsundfünfzig als quantité négligeable behandelt, war die
Zahl einundfünfzig mehrmals erwähnt. Anstatt dies selbstverständlich oder gleichgültig zu
finden, haben wir daraus auf einen zweiten Gedankengang in dem latenten Trauminhalt
geschlossen, der zur Zahl einundfünfzig hinführt, und die Spur, die wir weiterverfolgten, führte
uns zu Befürchtungen, welche einundfünfzig Jahre als Lebensgrenze hinstellen, im schärfsten
Gegensatz zu einem dominierenden Gedankenzug, der prahlerisch mit den Lebensjahren um sich
wirft. In dem Traume »Non vixit« fand sich als unscheinbares Einschiebsel, das ich anfangs
übersah, die Stelle: »Da P. ihn nicht versteht, fragt mich Fl.« usw. Als dann die Deutung stockte,
griff ich auf diese Worte zurück und fand von ihnen aus den Weg zu der Kinderphantasie, die in
den Traumgedanken als intermediärer Knotenpunkt auftritt. Es geschah dies mittels der Zeilen
des Dichters:
668
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin