Seite - 672 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 672 -
Text der Seite - 672 -
ist das gelungen, so ruft er aus: Jetzt weiß ich auch wieder, was ich geträumt habe. Derselbe
Widerstand, der ihn an diesem Tage in der Arbeit gestört hat, hat ihn auch den Traum vergessen
lassen. Durch die Überwindung dieses Widerstandes habe ich den Traum zur Erinnerung
gefördert.
Ebenso kann sich der Patient, bei einer gewissen Stelle der Arbeit angelangt, an einen Traum
erinnern, der vor drei, vier oder mehr Tagen vorgefallen ist und bis dahin in der Vergessenheit
geruht hat[208].
Die psychoanalytische Erfahrung hat uns noch einen anderen Beweis dafür geschenkt, daß das
Vergessen der Träume weit mehr vom Widerstand als von der Fremdheit zwischen dem Wach-
und dem Schlafzustand, wie die Autoren meinen, abhängt. Es ereignet sich mir wie anderen
Analytikern und den in solcher Behandlung stehenden Patienten nicht selten, daß wir, durch
einen Traum aus dem Schlafe geweckt, wie wir sagen möchten, unmittelbar darauf im vollen
Besitze unserer Denktätigkeit den Traum zu deuten beginnen. Ich habe in solchen Fällen oftmals
nicht geruht, bis ich das volle Verständnis des Traumes gewonnen hatte, und doch konnte es
geschehen, daß ich nach dem Erwachen die Deutungsarbeit ebenso vollständig vergessen hatte
wie den Trauminhalt, obwohl ich wußte, daß ich geträumt und daß ich den Traum gedeutet hatte.
Viel häufiger hatte der Traum das Ergebnis der Deutungsarbeit mit in die Vergessenheit gerissen,
als es der geistigen Tätigkeit gelungen war, den Traum für die Erinnerung zu halten. Zwischen
dieser Deutungsarbeit und dem Wachdenken besteht aber nicht jene psychische Kluft, durch
welche die Autoren das Traumvergessen ausschließend erklären wollen. – Wenn Morton Prince
gegen meine Erklärung des Traumvergessens einwendet, es sei nur ein Spezialfall der Amnesie
für abgespaltene seelische Zustände (disso-ciated states) und die Unmöglichkeit, meine
Erklärung für diese spezielle Amnesie auf andere Typen von Amnesie zu übertragen, mache sie
auch für ihre nächste Absicht wertlos, so erinnert er den Leser daran, daß er in all seinen
Beschreibungen solcher dissoziierter Zustände niemals den Versuch gemacht hat, die dynamische
Erklärung für diese Phänomene zu finden. Er hätte sonst entdecken müssen, daß die Verdrängung
(resp. der durch sie geschaffene Widerstand) ebensowohl die Ursache dieser Abspaltungen wie
der Amnesie für ihren psychischen Inhalt ist.
Daß die Träume ebensowenig vergessen werden wie andere seelische Akte und daß sie auch in
bezug auf ihr Haften im Gedächtnis den anderen seelischen Leistungen ungeschmälert
gleichzustellen sind, zeigt mir eine Erfahrung, die ich bei der Abfassung dieses Manuskripts
machen konnte. Ich hatte in meinen Notizen reichlich eigene Träume aufbewahrt, die ich damals
aus irgendeinem Grunde nur sehr unvollständig oder auch überhaupt nicht der Deutung
unterziehen konnte. Bei einigen derselben habe ich nun ein bis zwei Jahre später den Versuch, sie
zu deuten, unternommen, in der Absicht, mir Material zur Illustration meiner Behauptungen zu
schaffen. Dieser Versuch gelang mir ausnahmslos; ja ich möchte behaupten, die Deutung ging so
lange Zeit später leichter vor sich als damals, solange die Träume frische Erlebnisse waren, wofür
ich als mögliche Erklärung angeben möchte, daß ich seither über manche Widerstände in meinem
Inneren weggekommen bin, die mich damals störten. Ich habe bei solchen nachträglichen
Deutungen die damaligen Ergebnisse an Traumgedanken mit den heutigen, meist viel
reichhaltigeren, verglichen und das Damalige unter dem Heutigen unverändert wiedergefunden.
Ich trat meinem Erstaunen hierüber rechtzeitig in den Weg, indem ich mich besann, daß ich ja bei
meinen Patienten längst in Übung habe, Träume aus früheren Jahren, die sie mir gelegentlich
erzählen, deuten zu lassen, als ob es Träume aus der letzten Nacht wären, nach demselben
Verfahren und mit demselben Erfolg. Bei der Besprechung der Angstträume werde ich zwei
672
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin