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geltend machen würde. Wir müssen also als die Grundlage der Assoziation vielmehr die
Erinnerungssysteme annehmen. Die Tatsache der Assoziation besteht dann darin, daß infolge von
Widerstandsverringerungen und Bahnungen von einem der Er-Elemente die Erregung sich eher
nach einem zweiten als nach einem dritten Er-Element fortpflanzt.
Bei näherem Eingehen ergibt sich die Notwendigkeit, nicht eines, sondern mehrere solcher
Er-Elemente anzunehmen, in denen dieselbe, durch die W-Elemente fortgepflanzte Erregung eine
verschiedenartige Fixierung erfährt. Das erste dieser Er-Systeme wird jedenfalls die Fixierung
der Assoziation durch Gleichzeitigkeit enthalten, in den weiter entfernt liegenden wird dasselbe
Erregungsmaterial nach anderen Arten des Zusammentreffens angeordnet sein, so daß etwa
Beziehungen der Ähnlichkeit u. a. durch diese späteren Systeme dargestellt würden. Es wäre
natürlich müßig, die psychische Bedeutung eines solchen Systems in Worten angeben zu wollen.
Die Charakteristik desselben läge in der Innigkeit seiner Beziehungen zu Elementen des
Erinnerungsrohmaterials, d. h., wenn wir auf eine tiefergreifende Theorie hinweisen wollen, in
den Abstufungen des Leitungswiderstandes nach diesen Elementen hin.
Eine Bemerkung allgemeiner Natur, die vielleicht auf Bedeutsames hinweist, wäre hier
einzuschalten. Das W-System, welches keine Fähigkeiten hat, Veränderungen zu bewahren, also
kein Gedächtnis, ergibt für unser Bewußtsein die ganze Mannigfaltigkeit der sinnlichen
Qualitäten. Umgekehrt sind unsere Erinnerungen, die am tiefsten uns eingeprägten nicht
ausgenommen, an sich unbewußt. Sie können bewußtgemacht werden; es ist aber kein Zweifel,
daß sie im unbewußten Zustand alle ihre Wirkungen entfalten. Was wir unseren Charakter
nennen, beruht ja auf den Erinnerungsspuren unserer Eindrücke, und zwar sind gerade die
Eindrücke, die am stärksten auf uns gewirkt hatten, die unserer ersten Jugend, solche, die fast nie
bewußt werden. Werden aber Erinnerungen wieder bewußt, so zeigen sie keine sinnliche Qualität
oder eine sehr geringfügige im Vergleiche zu den Wahrnehmungen. Ließe sich nun bestätigen,
daß Gedächtnis und Qualität für das Bewußtsein an den ψ-Systemen einander ausschließen, so
eröffnete sich in die Bedingungen der Neuronerregung ein vielversprechender Einblick[214].
Was wir bisher über die Zusammensetzung des psychischen Apparats am sensiblen Ende
angenommen haben, erfolgte ohne Rücksicht auf den Traum und die aus ihm ableitbaren
psychologischen Aufklärungen. Für die Erkenntnis eines anderen Stückes des Apparats wird uns
aber der Traum zur Beweisquelle. Wir haben gesehen, daß es uns unmöglich wurde, die
Traumbildung zu erklären, wenn wir nicht die Annahme zweier psychischer Instanzen wagen
wollten, von denen die eine die Tätigkeit der anderen einer Kritik unterzieht, als deren Folge sich
die Ausschließung vom Bewußtwerden ergibt.
Die kritisierende Instanz, haben wir geschlossen, unterhält nähere Beziehungen zum Bewußtsein
als die kritisierte. Sie steht zwischen dieser und dem Bewußtsein wie ein Schirm. Wir haben
ferner Anhaltspunkte gefunden, die kritisierende Instanz mit dem zu identifizieren, was unser
waches Leben lenkt und über unser willkürliches, bewußtes Handeln entscheidet. Ersetzen wir
nun diese Instanzen im Sinne unserer Annahmen durch Systeme, so wird durch die letzterwähnte
Erkenntnis das kritisierende System ans motorische Ende gerückt. Wir tragen nun die beiden
Systeme in unser Schema ein und drücken in den ihnen verliehenen Namen ihre Beziehung zum
Bewußtsein aus (Fig. 3):
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin