Seite - 694 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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unseres Unbewußten, welche an die Titanen der Sage erinnern, auf denen seit Urzeiten die
schweren Gebirgsmassen lasten, die einst von den siegreichen Göttern auf sie gewälzt wurden
und die unter den Zuckungen ihrer Glieder noch jetzt von Zeit zu Zeit erbeben; – diese in der
Verdrängung befindlichen Wünsche, sage ich, sind aber selbst infantiler Herkunft, wie wir durch
die psychologische Erforschung der Neurosen erfahren. Ich möchte also den früher
ausgesprochenen Satz, die Herkunft des Traumwunsches sei gleichgültig, beseitigen und durch
einen anderen ersetzen, der lautet: Der Wunsch, welcher sich im Traume darstellt, muß ein
infantiler sein. Er stammt dann beim Erwachsenen aus dem Ubw; beim Kind, wo es die
Sonderung und Zensur zwischen Vbw und Ubw noch nicht gibt oder wo sie sich erst allmählich
herstellt, ist es ein unerfüllter, unverdrängter Wunsch des Wachlebens. Ich weiß, diese
Anschauung ist nicht allgemein zu erweisen; aber ich behaupte, sie ist häufig zu erweisen, auch
wo man es nicht vermutet hätte, und ist nicht allgemein zu widerlegen.
Die aus dem bewußten Wachleben erübrigten Wunschregungen lasse ich also für die
Traumbildung in den Hintergrund treten. Ich will ihnen keine andere Rolle zugestehen als etwa
dem Material an aktuellen Sensationen während des Schlafes für den Trauminhalt (vgl.
S. 235–6). Ich bleibe auf der Linie, die mir dieser Gedankengang vorschreibt, wenn ich jetzt die
anderen psychischen Anregungen in Betracht ziehe, die vom Tagesleben übrigbleiben und die
nicht Wünsche sind. Es kann uns gelingen, den Energiebesetzungen unseres wachen Denkens ein
vorläufiges Ende zu machen, wenn wir beschließen, den Schlaf aufzusuchen. Wer das gut kann,
der ist ein guter Schläfer; der erste Napoleon soll ein Muster dieser Gattung gewesen sein. Aber
es gelingt uns nicht immer und nicht immer vollständig. Unerledigte Probleme, quälende Sorgen,
eine Übermacht von Eindrücken setzen die Denktätigkeit auch während des Schlafes fort und
unterhalten seelische Vorgänge in dem System, das wir als das Vorbewußte bezeichnet haben.
Wenn uns um eine Einteilung dieser in den Schlaf sich fortsetzenden Denkregungen zu tun ist, so
können wir folgende Gruppen derselben aufstellen: 1. Das während des Tages durch zufällige
Abhaltung nicht zu Ende Gebrachte, 2. das durch Erlahmen unserer Denkkraft Unerledigte, das
Ungelöste, 3. das bei Tag Zurückgewiesene und Unterdrückte. Dazu gesellt sich als eine
mächtige 4. Gruppe, was durch die Arbeit des Vorbewußten tagsüber in unserem Ubw
regegemacht worden ist, und endlich können wir als 5. Gruppe anfügen: die indifferenten und
darum unerledigt gebliebenen Eindrücke des Tages.
Die psychischen Intensitäten, welche durch diese Reste des Tageslebens in den Schlafzustand
eingeführt werden, zumal aus der Gruppe des Ungelösten, braucht man nicht zu unterschätzen.
Sicherlich ringen diese Erregungen auch zur Nachtzeit nach Ausdruck, und ebenso sicher dürfen
wir annehmen, daß der Schlafzustand die gewohnte Fortführung des Erregungsvorganges im
Vorbewußten und deren Abschluß durch das Bewußtwerden unmöglich macht. Insofern wir
unserer Denkvorgänge auf dem normalen Wege bewußtwerden können, auch zur Nachtzeit,
insoferne schlafen wir eben nicht. Was für Veränderung der Schlafzustand im System Vbw
hervorruft, weiß ich nicht anzugeben[220]; aber es ist unzweifelhaft, daß die psychologische
Charakteristik des Schlafes wesentlich in den Besetzungsveränderungen gerade dieses Systems
zu suchen ist, das auch den Zugang zu der im Schlaf gelähmten Motilität beherrscht. Im
Gegensatze dazu wüßte ich von keinem Anlaß aus der Psychologie des Traums, der uns
annehmen hieße, daß der Schlaf anders als sekundär in den Verhältnissen des Systems Ubw etwas
verändere. Der nächtlichen Erregung im Vbw bleibt also kein anderer Weg als der, den die
Wunscherregungen aus dem Ubw nehmen; sie muß die Verstärkung aus dem Ubw suchen und die
Umwege der unbewußten Erregungen mitmachen. Wie stellen sich aber die vorbewußten
Tagesreste zum Traume? Es ist kein Zweifel, daß sie reichlich in den Traum eindringen, daß sie
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin