Seite - 695 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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den Trauminhalt benützen, um sich auch zur Nachtzeit dem Bewußtsein aufzudrängen; ja sie
dominieren gelegentlich den Trauminhalt, nötigen ihn, die Tagesarbeit fortzusetzen; es ist auch
sicher, daß die Tagesreste jeden anderen Charakter ebensowohl haben können wie den der
Wünsche; aber es ist dabei höchst lehrreich und für die Lehre von der Wunscherfüllung geradezu
entscheidend zu sehen, welcher Bedingung sie sich fügen müssen, um in den Traum Aufnahme
zu finden.
Greifen wir eines der früheren Traumbeispiele heraus, z.
B. den Traum, der mir Freund Otto mit
den Zeichen der Basedowschen Krankheit erscheinen läßt (S. 273 ff.). Ich hatte am Tage eine
Besorgnis gebildet, zu der mir das Aussehen Ottos Anlaß gab, und die Sorge ging mir nahe, wie
alles, was diese Person betrifft. Sie folgte mir auch, darf ich annehmen, in den Schlaf.
Wahrscheinlich wollte ich ergründen, was ihm fehlen könnte. Zur Nachtzeit fand diese Sorge
Ausdruck in dem Traume, den ich mitgeteilt habe, dessen Inhalt erstens unsinnig war und
zweitens keiner Wunscherfüllung entsprach. Ich begann aber nachzuforschen, woher der
unangemessene Ausdruck der bei Tag verspürten Besorgnis rühre, und durch die Analyse fand
ich einen Zusammenhang, indem ich ihn mit einem Baron L., mich selbst aber mit Professor R.
identifizierte. Warum ich gerade diesen Ersatz des Tagesgedanken hatte wählen müssen, dafür
gab es nur eine Erklärung. Zu der Identifizierung mit Professor R. mußte ich im Ubw immer
bereit sein, da durch sie einer der unsterblichen Kinderwünsche, der Wunsch der Größensucht,
sich erfüllte. Häßliche, der Verwerfung bei Tag sichere Gedanken gegen meinen Freund hatten
die Gelegenheit benützt, sich zur Darstellung mit einzuschleichen, aber auch die Sorge des Tages
war zu einer Art von Ausdruck durch einen Ersatz im Trauminhalt gekommen. Der
Tagesgedanke, der an sich kein Wunsch, sondern im Gegenteil eine Besorgnis war, mußte sich
auf irgendeinem Wege die Anknüpfung an einen infantilen, nun unbewußten und unterdrückten
Wunsch verschaffen, der ihn dann, wenn auch gehörig zugerichtet, für das Bewußtsein
»entstehen« ließ. Je dominierender diese Sorge war, desto gewaltsamer durfte die herzustellende
Verbindung sein; zwischen dem Inhalt des Wunsches und dem der Besorgnis brauchte ein
Zusammenhang gar nicht zu bestehen und bestand auch keiner in unserem Beispiele.
Vielleicht ist es zweckmäßig, dieselbe Frage auch in der Form einer Untersuchung zu behandeln,
wie sich der Traum benimmt, wenn ihm in den Traumgedanken ein Material geboten wird, das
einer Wunscherfüllung durchwegs widerspricht, also begründete Sorgen, schmerzliche
Erwägungen, peinliche Einsichten. Die Mannigfaltigkeit der möglichen Erfolge läßt sich dann
folgenderart gliedern: a) Es gelingt der Traumarbeit, alle peinlichen Vorstellungen durch
gegenteilige zu ersetzen und die dazugehörigen unlustigen Affekte zu unterdrücken. Das ergibt
dann einen reinen Befriedigungstraum, eine greifbare »Wunscherfüllung«, an der weiter nichts zu
erörtern scheint, b) Die peinlichen Vorstellungen gelangen, mehr oder weniger abgeändert, aber
doch gut kenntlich, in den manifesten Trauminhalt. Dies ist der Fall, der die Zweifel an der
Wunschtheorie des Traumes weckt und weiterer Untersuchung bedarf. Solche Träume peinlichen
Inhalts können entweder indifferent empfunden werden oder auch den ganzen peinlichen Affekt
mitbringen, der durch ihren Vorstellungsinhalt gerechtfertigt scheint, oder selbst unter
Angstentwicklung zum Erwachen führen.
Die Analyse weist dann nach, daß auch diese Unlustträume Wunscherfüllungen sind. Ein
unbewußter und verdrängter Wunsch, dessen Erfüllung vom Ich des Träumers nicht anders als
peinlich empfunden werden könnte, hat sich der Gelegenheit bedient, die ihm durch das
Besetztbleiben der peinlichen Tagesreste geboten wird, hat ihnen seine Unterstützung geliehen
und sie durch diese traumfähig gemacht. Aber während im Falle a der unbewußte Wunsch mit
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin