Seite - 696 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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dem bewußten zusammenfiel, wird im Falle b der Zwiespalt zwischen dem Unbewußten und dem
Bewußten – dem Verdrängten und dem Ich – bloßgelegt, und die Situation des Märchens von den
drei Wünschen, welche die Fee dem Ehepaar freigibt, verwirklicht (s. unten S. 552 Anm. 229.).
Die Befriedigung über die Erfüllung des verdrängten Wunsches kann so groß ausfallen, daß sie
den an den Tagesresten hängenden peinlichen Affekten das Gleichgewicht hält; der Traum ist
dann in seinem Gefühlston indifferent, obwohl er einerseits die Erfüllung eines Wunsches,
anderseits die einer Befürchtung ist. Oder es kann geschehen, daß das schlafende Ich einen noch
ausgiebigeren Anteil an der Traumbildung nimmt, daß es auf die zustande gekommene
Befriedigung des verdrängten Wunsches mit einer heftigen Empörung reagiert und selbst dem
Traume unter Angst ein Ende macht. Es ist also nicht schwer zu erkennen, daß die Unlust- und
die Angstträume im Sinne der Theorie ebensosehr Wunscherfüllungen sind wie die glatten
Befriedigungsträume.
Unlustträume können auch »Strafträume« sein. Es ist zuzugeben, daß man durch ihre
Anerkennung zur Theorie des Traums in gewissem Sinne etwas Neues hinzufügt. Was durch sie
erfüllt wird, ist gleichfalls ein unbewußter Wunsch, der nach einer Bestrafung des Träumers für
eine verdrängte unerlaubte Wunschregung. Insofern fügen sich die Träume der hier vertretenen
Forderung, daß die Triebkraft zur Traumbildung von einem dem Unbewußten angehörigen
Wunsche beigestellt werden mußte. Eine feinere psychologische Zergliederung läßt aber den
Unterschied von den anderen Wunschträumen erkennen. In den Fällen der Gruppe b gehörte der
unbewußte, traumbildende Wunsch dem Verdrängten an, bei den Strafträumen ist es gleichfalls
ein unbewußter Wunsch, den wir aber nicht dem Verdrängten, sondern dem »Ich« zurechnen
müssen. Die Strafträume weisen also auf die Möglichkeit einer noch weiter gehenden Beteiligung
des Ichs an der Traumbildung hin. Der Mechanismus der Traumbildung wird überhaupt weit
durchsichtiger, wenn man anstatt des Gegensatzes von »Bewußt« und »Unbewußt« den von
»Ich« und »Verdrängt« einsetzt. Dies kann nicht ohne Rücksicht auf die Vorgänge bei der
Psychoneurose geschehen und ist darum in diesem Buche nicht durchgeführt worden. Ich
bemerke nur, daß die Strafträume nicht allgemein an die Bedingung peinlicher Tagesreste
geknüpft sind. Sie entstehen vielmehr am leichtesten unter der gegensätzlichen Voraussetzung,
daß die Tagesreste Gedanken befriedigender Natur sind, die aber unerlaubte Befriedigungen
ausdrücken. Von diesen Gedanken gelangt dann nichts in den manifesten Traum als ihr direkter
Gegensatz, ähnlich wie es in den Träumen der Gruppe a der Fall war. Der wesentliche Charakter
der Strafträume bliebe also, daß bei ihnen nicht der unbewußte Wunsch aus dem Verdrängten
(dem System Ubw) zum Traumbildner wird, sondern der gegen ihn reagierende, dem Ich
angehörige, wenn auch unbewußte (d.
h. vorbewußte) Strafwünsch[221].
Ich will einiges von dem hier Vorgebrachten an einem eigenen Traum erläutern, vor allem die
Art, wie die Traumarbeit mit einem Tagesrest peinlicher Erwartungen verfährt:
»Undeutlicher Anfang. Ich sage meiner Frau, ich habe eine Nachricht für sie, etwas ganz
Besonderes. Sie erschrickt und will nichts hören. Ich versichere ihr, im Gegenteil, etwas, was sie
sehr freuen wird, und beginne zu erzählen, daß das Offizierskorps unseres Sohnes eine Summe
Geldes geschickt hat (5000 K?), … etwas von Anerkennung … Verteilung … Dabei bin ich mit ihr
in ein kleines Zimmer gegangen, wie eine Vorratskammer, um etwas herauszusuchen. Plötzlich
sehe ich meinen Sohn erscheinen, er ist nicht in Uniform, sondern eher im enganliegenden
Sportkostüm (wie ein Seehund?), mit kleiner Kappe. Er steigt auf einen Korb, der sich seitlich
neben einem Kasten befindet, wie um etwas auf diesen Kasten zu legen. Ich rufe ihn an; keine
Antwort. Mir scheint, er hat das Gesicht oder die Stirn verbunden, er richtet sich etwas im
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin