Seite - 697 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Munde, schiebt sich etwas ein. Auch haben seine Haare einen grauen Schimmer. Ich denke:
Sollte er so erschöpft sein? Und hat er falsche Zähne? Ehe ich ihn wieder anrufen kann, erwache
ich ohne Angst, aber mit Herzklopfen. Meine Nachtuhr zeigt die Stunde 2½.«
Die Mitteilung einer vollständigen Analyse ist auch diesmal unmöglich. Ich beschränke mich auf
die Hervorhebung einiger entscheidender Punkte. Den Anlaß zum Traum hatten peinigende
Erwartungen des Tages gegeben; von dem an der Front Kämpfenden waren wieder einmal
Nachrichten durch länger als eine Woche ausgeblieben. Es ist leicht zu ersehen, daß im
Trauminhalt die Überzeugung Ausdruck findet, daß er verwundet oder gefallen ist. Zu Anfang
des Traumes merkt man das energische Bemühen, die peinlichen Gedanken durch ihr Gegenteil
zu ersetzen. Ich habe etwas Hocherfreuliches mitzuteilen, etwas von Geldsendung, Anerkennung,
Verteilung. (Die Geldsumme stammt aus einem erfreulichen Vorkommnis in der ärztlichen
Praxis, will also überhaupt vom Thema ablenken.) Aber diese Bemühung mißlingt. Die Mutter
ahnt etwas Schreckliches und will mich nicht anhören. Die Verkleidungen sind auch zu dünn,
überall schimmert die Beziehung zu dem, was unterdrückt werden soll, durch. Wenn der Sohn
gefallen ist, werden seine Kameraden seine Habseligkeiten zurückschicken; ich werde, was er
hinterläßt, an die Geschwister und andere zu verteilen haben; Anerkennungen werden häufig dem
Offizier nach seinem »Heldentod« verliehen. Der Traum geht also daran, direkt zum Ausdruck zu
bringen, was er zunächst verleugnen wollte, wobei sich die wunscherfüllende Tendenz noch
durch Entstellungen bemerkbar macht. (Der Wechsel der Örtlichkeit im Traume ist wohl als
Schwellensymbolik nach Silberer zu verstehen.) Wir ahnen freilich nicht, was ihm die dazu
erforderliche Triebkraft leiht. Der Sohn erscheint aber nicht als einer, der »fällt«, sondern als
einer, der »steigt«. Er ist ja auch ein kühner Bergsteiger gewesen. Er ist nicht in Uniform,
sondern im Sportkostüm, d. h. an die Stelle des jetzt gefürchteten Unfalles ist ein früherer
getreten, den er im Sport erlitten, als er auf einer Skitour fiel und sich den Oberschenkel brach.
Aber die Art, wie er kostümiert ist, so daß er einem Seehund gleicht, erinnert sofort an einen
Jüngeren, an unseren kleinen drolligen Enkel; das graue Haar mahnt an dessen vom Kriege arg
hergenommenen Vater, unseren Schwiegersohn. Was soll das? Aber genug damit; die Örtlichkeit
eine Speisekammer, der Kasten, von dem er sich etwas holen will (etwas darauflegen im Traum),
das sind unverkennbare Anspielungen an einen eigenen Unfall, den ich mir zugezogen, als ich
über zwei und noch nicht drei Jahre alt war. Ich stieg in der Speisekammer auf einen Schemel,
um mir etwas Gutes zu holen, was auf einem Kasten oder Tisch lag. Der Schemel kippte um und
traf mich mit seiner Kante hinter dem Unterkiefer. Ich hätte mir auch alle Zähne ausschlagen
können. Eine Mahnung meldet sich dabei: Das geschieht dir recht, wie eine feindselige Regung
gegen den wackeren Krieger. Die Vertiefung der Analyse läßt mich dann die versteckte Regung
finden, die sich an dem gefürchteten Unfall des Sohnes befriedigen könnte. Es ist der Neid gegen
die Jugend, den der Gealterte im Leben gründlich erstickt zu haben glaubt, und es ist
unverkennbar, daß gerade die Stärke der schmerzlichen Ergriffenheit, wenn ein solches Unglück
sich wirklich ereignete, zu ihrer Linderung eine solche verdrängte Wunscherfüllung aufspürt.
Ich kann es nun scharf bezeichnen, was der unbewußte Wunsch für den Traum bedeutet. Ich will
zugeben, daß es eine ganze Klasse von Träumen gibt, zu denen die Anregung vorwiegend oder
selbst ausschließlich aus den Resten des Tageslebens stammt, und ich meine, selbst mein
Wunsch, endlich einmal Professor extraordinarius zu werden, hätte mich jene Nacht in Ruhe
schlafen lassen können, wäre nicht die Sorge um die Gesundheit meines Freundes vom Tage her
noch rührig gewesen. Aber diese Sorge hätte noch keinen Traum gemacht; die Triebkraft, die der
Traum bedurfte, mußte von einem Wunsche beigesteuert werden; es war Sache der Besorgnis,
sich einen solchen Wunsch als Triebkraft des Traumes zu verschaffen. Um es in einem Gleichnis
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin