Seite - 698 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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zu sagen: Es ist sehr wohl möglich, daß ein Tagesgedanke die Rolle des Unternehmers für den
Traum spielt; aber der Unternehmer, der, wie man sagt, die Idee hat und den Drang, sie in Tat
umzusetzen, kann doch ohne Kapital nichts machen; er braucht einen Kapitalisten, der den
Aufwand bestreitet, und dieser Kapitalist, der den psychischen Aufwand für den Traum beistellt,
ist alle Male und unweigerlich, was immer auch der Tagesgedanke sein mag, ein Wunsch aus
dem Unbewußten.
Andere Male ist der Kapitalist selbst der Unternehmer; das ist für den Traum sogar der
gewöhnlichere Fall. Es ist durch die Tagesarbeit ein unbewußter Wunsch angeregt worden, und
der schafft nun den Traum. Auch für alle anderen Möglichkeiten des hier als Beispiel
verwendeten wirtschaftlichen Verhältnisses bleiben die Traumvorgänge parallel; der
Unternehmer kann selbst eine Kleinigkeit an Kapital mitbringen; es können mehrere
Unternehmer sich an denselben Kapitalisten wenden; es können mehrere Kapitalisten gemeinsam
das für die Unternehmer Erforderliche zusammensteuern. So gibt es auch Träume, die von mehr
als einem Traumwunsche getragen werden, und dergleichen Variationen mehr, die leicht zu
übersehen sind und uns kein Interesse mehr bieten. Was an dieser Erörterung über den
Traumwunsch noch unvollständig ist, werden wir erst später ergänzen können.
Das tertium comparationis der hier gebrauchten Gleichnisse, die in zugemessener Menge zur
freien Verfügung gestellte Quantität, läßt noch feinere Verwendung zur Beleuchtung der
Traumstruktur zu. In den meisten Träumen läßt sich ein mit besonderer sinnlicher Intensität
ausgestattetes Zentrum erkennen, wie auf S. 305 ausgeführt. Das ist in der Regel die direkte
Darstellung der Wunscherfüllung, denn, wenn wir die Verschiebungen der Traumarbeit
rückgängig machen, finden wir die psychische Intensität der Elemente in den Traumgedanken
durch die sinnliche Intensität der Elemente im Trauminhalt ersetzt. Die Elemente in der Nähe der
Wunscherfüllung haben mit deren Sinn oft nichts zu tun, sondern erweisen sich als Abkömmlinge
peinlicher, dem Wunsch zuwiderlaufender Gedanken. Durch den oft künstlich hergestellten
Zusammenhang mit dem zentralen Element haben sie aber so viel Intensität abbekommen, daß
sie zur Darstellung fähig geworden sind. So diffundiert die darstellende Kraft der
Wunscherfüllung über eine gewisse Sphäre von Zusammenhang, innerhalb deren alle Elemente,
auch die an sich mittellosen, zur Darstellung gehoben werden. Bei Träumen mit mehreren
treibenden Wünschen gelingt es leicht, die Sphären der einzelnen Wunscherfüllungen
voneinander abzugrenzen, oft auch die Lücken im Traume als Grenzzonen zu verstehen.
Wenn wir auch die Bedeutung der Tagesreste für den Traum durch die vorstehenden
Bemerkungen eingeschränkt haben, so verlohnt es doch der Mühe, ihnen noch einige
Aufmerksamkeit zu schenken. Sie müssen doch ein notwendiges Ingrediens der Traumbildung
sein, wenn uns die Erfahrung mit der Tatsache überraschen kann, daß jeder Traum eine
Anknüpfung an einen rezenten Tageseindruck, oft der gleichgültigsten Art, mit in seinem Inhalt
erkennen läßt. Die Notwendigkeit für diesen Zusatz zur Traummischung vermochten wir noch
nicht einzusehen. (S. 193 f.) Sie ergibt sich auch nur, wenn man an der Rolle des unbewußten
Wunsches festhält und dann die Neurosenpsychologie um Auskunft befragt. Aus dieser erfährt
man, daß die unbewußte Vorstellung als solche überhaupt unfähig ist, ins Vorbewußte
einzutreten, und daß sie dort nur eine Wirkung zu äußern vermag, indem sie sich mit einer
harmlosen, dem Vorbewußten bereits angehörigen Vorstellung in Verbindung setzt, auf sie ihre
Intensität überträgt und sich durch sie decken läßt. Es ist dies die Tatsache der Übertragung,
welche für so viele auffällige Vorfälle im Seelenleben der Neurotiker die Aufklärung enthält. Die
Übertragung kann die Vorstellung aus dem Vorbewußten, welche somit zu einer unverdient
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin