Seite - 699 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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großen Intensität gelangt, unverändert lassen oder ihr selbst eine Modifikation durch den Inhalt
der übertragenden Vorstellung aufdrängen. Man verzeihe mir die Neigung zu Gleichnissen aus
dem täglichen Leben, aber ich bin versucht zu sagen, die Verhältnisse liegen für die verdrängte
Vorstellung ähnlich wie in unserem Vaterlande für den amerikanischen Zahnarzt, der seine Praxis
nicht ausüben darf, wenn er sich nicht eines rite promovierten Doktors der Medizin als
Aushängeschild und Deckung vor dem Gesetz bedient. Und ebenso wie es nicht gerade die
beschäftigtesten Ärzte sind, die solche Alliancen mit dem Zahntechniker eingehen, so werden
auch im Psychischen nicht jene vorbewußten oder bewußten Vorstellungen zur Deckung einer
verdrängten erkoren, die selbst genügend von der im Vorbewußten tätigen Aufmerksamkeit auf
sich gezogen haben. Das Unbewußte umspinnt mit seinen Verbindungen vorzugsweise jene
Eindrücke und Vorstellungen des Vorbewußten, die entweder als indifferent außer Beachtung
geblieben sind oder denen diese Beachtung durch Verwerfung alsbald wieder entzogen wurde. Es
ist ein bekannter Satz aus der Assoziationslehre, durch alle Erfahrung bestätigt, daß
Vorstellungen, die eine sehr innige Verbindung nach der einen Seite angeknüpft haben, sich wie
ablehnend gegen ganze Gruppen von neuen Verbindungen verhalten; ich habe einmal den
Versuch gemacht, eine Theorie der hysterischen Lähmungen auf diesen Satz zu begründen.
Wenn wir annehmen, daß das nämliche Bedürfnis zur Übertragung von den verdrängten
Vorstellungen aus, das uns die Analyse der Neurosen kennen lehrt, sich auch im Traume geltend
macht, so erklären sich auch mit einem Schlage zwei der Rätsel des Traumes, daß jede
Traumanalyse eine Verwebung eines rezenten Eindrucks nachweist und daß dies rezente Element
oft von der gleichgültigsten Art ist. Wir fügen hinzu, was wir bereits an anderer Stelle gelernt
haben, daß diese rezenten und indifferenten Elemente als Ersatz der allerältesten aus den
Traumgedanken darum so häufig in den Trauminhalt gelangen, weil sie gleichzeitig von der
Widerstandszensur am wenigsten zu befürchten haben. Während aber die Zensurfreiheit uns nur
die Bevorzugung der trivialen Elemente aufklärt, läßt die Konstanz der rezenten Elemente auf die
Nötigung zur Übertragung durchblicken. Dem Anspruch des Verdrängten auf noch
assoziationsfreies Material genügen beide Gruppen von Eindrücken, die indifferenten, weil sie zu
ausgiebigen Verbindungen keinen Anlaß geboten haben, die rezenten, weil dazu noch die Zeit
gefehlt hat.
Wir sehen so, daß die Tagesreste, denen wir die indifferenten Eindrücke jetzt zurechnen dürfen,
nicht nur vom Ubw etwas entlehnen, wenn sie an der Traumbildung Anteil gewinnen, nämlich
die Triebkraft, über die der verdrängte Wunsch verfügt, sondern daß sie auch dem Unbewußten
etwas Unentbehrliches bieten, die notwendige Anheftung zur Übertragung. Wollten wir hier in
die seelischen Vorgänge tiefer eindringen, so müßten wir das Spiel der Erregungen zwischen
Vorbewußtem und Unbewußtem schärfer beleuchten, wozu wohl das Studium der
Psychoneurosen drängt, aber gerade der Traum keinen Anhalt bietet.
Nur noch eine Bemerkung über die Tagesreste. Es ist kein Zweifel, daß sie die eigentlichen
Störer des Schlafes sind, und nicht der Traum, der sich vielmehr bemüht, den Schlaf zu hüten.
Hierauf werden wir noch später zurückkommen.
Wir haben bisher den Traumwunsch verfolgt, ihn aus dem Gebiet des Ubw abgeleitet und sein
Verhältnis zu den Tagesresten zergliedert, die ihrerseits Wünsche sein können oder psychische
Regungen irgendwelcher anderen Art oder einfach rezente Eindrücke. Wir haben so Raum
geschaffen für die Ansprüche, die man zugunsten der traumbildenden Bedeutung der wachen
Denkarbeit in all ihrer Mannigfaltigkeit erheben kann. Es wäre nicht einmal unmöglich, daß wir
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin