Seite - 702 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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anderes Ziel seiner Arbeit als Wunscherfüllung kennt und über keine anderen Kräfte als die der
Wunschregungen verfügt. Wenn wir nun auch nur einen Moment länger an dem Recht festhalten
wollen, von der Traumdeutung aus so weitgreifende psychologische Spekulationen auszuführen,
so obliegt uns die Verpflichtung zu zeigen, daß wir durch sie den Traum in einen Zusammenhang
einreihen, welcher auch andere psychische Bildungen umfassen kann. Wenn ein System des Ubw
– oder etwas ihm für unsere Erörterungen Analoges – existiert, so kann der Traum nicht dessen
einzige Äußerung sein; jeder Traum mag eine Wunscherfüllung sein, aber es muß noch andere
Formen abnormer Wunscherfüllungen geben als die Träume. Und wirklich gipfelt die Theorie
aller psychoneurotischen Symptome in dem einen Satz, daß auch sie als Wunscherfüllungen des
Unbewußten aufgefaßt werden müssen[225]. Der Traum wird durch unsere Aufklärung nur das
erste Glied einer für den Psychiater höchst bedeutungsvollen Reihe, deren Verständnis die
Lösung des rein psychologischen Anteils der psychiatrischen Aufgabe bedeutet[226]. Von anderen
Gliedern dieser Reihe von Wunscherfüllungen, z. B. von den hysterischen Symptomen, kenne ich
aber einen wesentlichen Charakter, den ich am Traume noch vermisse. Ich weiß nämlich aus den
im Laufe dieser Abhandlung oftmals angedeuteten Untersuchungen, daß zur Bildung eines
hysterischen Symptoms beide Strömungen unseres Seelenlebens zusammentreffen müssen. Das
Symptom ist nicht bloß der Ausdruck eines realisierten unbewußten Wunsches; es muß noch ein
Wunsch aus dem Vorbewußten dazukommen, der sich durch das nämliche Symptom erfüllt, so
daß das Symptom mindestens zweifach determiniert wird, je einmal von einem der im Konflikt
befindlichen Systeme her. Einer weiteren Überdeterminierung sind – ähnlich wie beim Traum –
keine Schranken gesetzt. Die Determinierung, die nicht dem Ubw entstammt, ist, soviel ich sehe,
regelmäßig ein Gedankenzug der Reaktion gegen den unbewußten Wunsch, z. B. eine
Selbstbestrafung. Ich kann also ganz allgemein sagen, ein hysterisches Symptom entsteht nur
dort, wo zwei gegensätzliche Wunscherfüllungen, jede aus der Quelle eines anderen psychischen
Systems, in einem Ausdruck zusammentreffen können. (Vgl. hiezu meine letzten Formulierungen
der Entstehung hysterischer Symptome in dem Aufsatz ›Hysterische Phantasien und ihre
Beziehung zur Bisexualität‹, 1908 a.) Beispiele würden hier wenig fruchten, da nur die
vollständige Enthüllung der vorliegenden Komplikation Überzeugung erwecken kann. Ich lasse
es darum bei der Behauptung und bringe ein Beispiel bloß seiner Anschaulichkeit, nicht seiner
Beweiskraft wegen. Das hysterische Erbrechen also bei einer Patientin erwies sich einerseits als
die Erfüllung einer unbewußten Phantasie aus den Pubertätsjahren, nämlich des Wunsches,
fortwährend gravid zu sein, ungezählt viele Kinder zu haben, wozu später die Erweiterung trat:
von möglichst vielen Männern. Gegen diesen unbändigen Wunsch hatte sich eine mächtige
Abwehrregung erhoben. Da die Patientin aber durch das Erbrechen ihre Körperfülle und ihre
Schönheit verlieren konnte, so daß kein Mann mehr an ihr Gefallen fand, so war das Symptom
auch dem strafenden Gedankengang recht und durfte, von beiden Seiten zugelassen, zur Realität
werden. Es ist dieselbe Manier, auf eine Wunscherfüllung einzugehen, welche der Partherkönigin
gegen den Triumvir Crassus beliebte. Sie meinte, er habe den Feldzug aus Goldgier
unternommen; so ließ sie der Leiche geschmolzenes Gold in den Rachen gießen. »Hier hast du,
was du dir gewünscht hast.« Vom Traum wissen wir bis jetzt nur, daß er eine Wunscherfüllung
des Unbewußten ausdrückt; es scheint, daß das herrschende, vorbewußte System diese gewähren
läßt, nachdem es ihr gewisse Entstellungen aufgenötigt hat. Man ist auch wirklich nicht imstande,
allgemein einen dem Traumwunsch gegensätzlichen Gedankenzug nachzuweisen, der sich wie
sein Widerpart im Traume verwirklicht. Nur hie und da sind uns in den Traumanalysen
Anzeichen von Reaktionsschöpfungen begegnet, z.
B. die Zärtlichkeit für Freund R. im
Onkeltraum (S. 157–8). Wir können aber die hier vermißte Zutat aus dem Vorbewußten an
anderer Stelle auffinden. Der Traum darf einen Wunsch aus dem Ubw nach allerlei Entstellungen
zum Ausdruck bringen, während sich das herrschende System auf den Wunsch zu schlafen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin