Seite - 707 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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nach zur Wirkung kommen, ehe der Traum das Bewußtsein an sich zieht. Von da an erfährt der
Vorgang allerdings eine Beschleunigung, da der Traum ja jetzt dieselbe Behandlung erfährt wie
etwas anderes Wahrgenommenes. Es ist wie mit einem Feuerwerk, das stundenlang hergerichtet
und dann in einem Moment entzündet wird.
Durch die Traumarbeit gewinnt der Traumvorgang nun entweder die genügende Intensität, um
das Bewußtsein auf sich zu ziehen und das Vorbewußte zu wecken, ganz unabhängig von der
Zeit und Tiefe des Schlafes; oder seine Intensität ist dazu nicht genügend, und er muß bereit
bleiben, bis ihm unmittelbar vor dem Erwachen die beweglicher gewordene Aufmerksamkeit
entgegenkommt. Die meisten Träume scheinen mit vergleichsweise geringen psychischen
Intensitäten zu arbeiten, denn sie warten das Erwachen ab. Es erklärt sich so aber auch, daß wir in
der Regel etwas Geträumtes wahrnehmen, wenn man uns plötzlich aus tiefem Schlafe reißt. Der
erste Blick dabei wie beim spontanen Erwachen trifft den von der Traumarbeit geschaffenen
Wahrnehmungsinhalt, der nächste dann den von außen gegebenen.
Das größere theoretische Interesse wendet sich aber den Träumen zu, die mitten im Schlafe zu
wecken vermögen. Man darf der sonst überall nachweisbaren Zweckmäßigkeit gedenken und
sich fragen, warum dem Traum, also dem unbewußten Wunsch, die Macht gelassen wird, den
Schlaf, also die Erfüllung des vorbewußten Wunsches, zu stören. Es muß das wohl an
Energierelationen liegen, in welche uns die Einsicht fehlt. Besäßen wir diese, so würden wir
wahrscheinlich finden, daß das Gewährenlassen des Traums und der Aufwand einer gewissen
detachierten Aufmerksamkeit für ihn eine Ersparnis an Energie darstellt gegen den Fall, daß das
Unbewußte nachts ebenso in Schranken gehalten werden sollte wie tagsüber. Wie die Erfahrung
zeigt, bleibt das Träumen, selbst wenn es mehrmals in einer Nacht den Schlaf unterbricht, mit
dem Schlafen vereinbar. Man erwacht für einen Moment und schläft sofort wieder ein. Es ist, wie
wenn man schlafend eine Fliege wegscheucht; man erwacht ad hoc. Wenn man wieder einschläft,
hat man die Störung beseitigt. Die Erfüllung des Schlafwunsches ist, wie bekannte Beispiele vom
Ammenschlaf u. dgl. zeigen, ganz gut mit der Unterhaltung eines gewissen Aufwands von
Aufmerksamkeit nach einer bestimmten Richtung vereinbar.
Hier verlangt aber ein Einwand gehört zu werden, der auf einer besseren Kenntnis der
unbewußten Vorgänge fußt. Wir haben selbst die unbewußten Wünsche als immer rege
bezeichnet. Trotzdem seien sie bei Tag nicht stark genug, sich vernehmbar zu machen. Wenn
aber der Schlafzustand besteht und der unbewußte Wunsch die Kraft gezeigt hat, einen Traum zu
bilden und mit ihm das Vorbewußte zu wecken, warum versiegt diese Kraft, nachdem der Traum
zur Kenntnis genommen worden ist? Sollte der Traum sich nicht vielmehr fortwährend erneuern,
gerade wie die störende Fliege es liebt, immer wieder nach ihrer Vertreibung wiederzukehren?
Mit welchem Recht haben wir behauptet, daß der Traum die Schlafstörung beseitigt?
Es ist ganz richtig, daß die unbewußten Wünsche immer rege bleiben. Sie stellen Wege dar, die
immer gangbar sind, sooft ein Erregungsquantum sich ihrer bedient. Es ist sogar eine
hervorragende Besonderheit unbewußter Vorgänge, daß sie unzerstörbar bleiben. Im Unbewußten
ist nichts zu Ende zu bringen, ist nichts vergangen oder vergessen. Man bekommt hievon den
stärksten Eindruck beim Studium der Neurosen, speziell der Hysterie. Der unbewußte
Gedankenweg, der zur Entladung im Anfall führt, ist sofort wieder gangbar, wenn sich genug
Erregung angesammelt hat. Die Kränkung, die vor dreißig Jahren vorgefallen ist, wirkt, nachdem
sie sich den Zugang zu den unbewußten Affektquellen verschafft hat, alle die dreißig Jahre wie
eine frische. Sooft ihre Erinnerung angerührt wird, lebt sie wieder auf und zeigt sich mit
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin