Seite - 708 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 708 -
Text der Seite - 708 -
Erregung besetzt, die sich in einem Anfall motorische Abfuhr verschafft. Gerade hier hat die
Psychotherapie einzugreifen. Ihre Aufgabe ist es, für die unbewußten Vorgänge eine Erledigung
und ein Vergessen zu schaffen. Was wir nämlich geneigt sind, für selbstverständlich zu halten,
und für einen primären Einfluß der Zeit auf die seelischen Erinnerungsreste erklären, das
Abblassen der Erinnerungen und die Affektschwäche der nicht mehr rezenten Eindrücke, das sind
in Wirklichkeit sekundäre Veränderungen, die durch mühevolle Arbeit zustande kommen. Es ist
das Vorbewußte, welches diese Arbeit leistet, und die Psychotherapie kann keinen anderen Weg
einschlagen, als das Ubw der Herrschaft des Vbw zu unterwerfen.
Für den einzelnen unbewußten Erregungsvorgang gibt es also zwei Ausgänge. Entweder er bleibt
sich selbst überlassen, dann bricht er endlich irgendwo durch und schafft seiner Erregung für dies
eine Mal einen Abfluß in die Motilität, oder er unterliegt der Beeinflussung des Vorbewußten,
und seine Erregung wird durch dasselbe gebunden anstatt abgeführt. Letzteres aber geschieht
beim Traumvorgang. Die Besetzung, die dem zur Wahrnehmung gewordenen Traum von seiten
des Vbw entgegenkommt, weil sie durch die Bewußtseinserregung hingelenkt worden ist, bindet
die unbewußte Erregung des Traumes und macht sie als Störung unschädlich. Wenn der Träumer
für einen Augenblick erwacht, so hat er wirklich die Fliege weggescheucht, die den Schlaf zu
stören drohte. Es kann uns jetzt ahnen, daß es wirklich zweckmäßiger und wohlfeiler war, den
unbewußten Wunsch gewähren zu lassen, ihm den Weg zur Regression freizugeben, damit er
einen Traum bilde, und dann diesen Traum durch einen kleinen Aufwand von vorbewußter
Arbeit zu binden und zu erledigen, als das Unbewußte auch die ganze Zeit des Schlafens über im
Zaume zu halten. Es stand ja zu erwarten, daß der Traum, auch wenn er ursprünglich kein
zweckmäßiger Vorgang war, im Kräftespiel des seelischen Lebens sich einer Funktion
bemächtigt haben würde. Wir sehen, welches diese Funktion ist. Er hat die Aufgabe
übernommen, die freigelassene Erregung des Ubw wieder unter die Herrschaft des Vorbewußten
zu bringen; er führt dabei die Erregung des Ubw ab, dient ihm als Ventil und sichert gleichzeitig
gegen einen geringen Aufwand an Wachtätigkeit den Schlaf des Vorbewußten. So stellt er sich
als ein Kompromiß, ganz wie die anderen psychischen Bildungen seiner Reihe, gleichzeitig in
den Dienst der beiden Systeme, indem er beider Wünsche, insoweit sie miteinander verträglich
sind, erfüllt. Ein Blick auf die Seite 100 mitgeteilte Robertsche »Ausscheidungstheorie« wird
zeigen, daß wir diesem Autor in der Hauptsache, in der Bestimmung der Funktion des Traumes,
recht geben müssen, während wir in den Voraussetzungen und in der Würdigung des
Traumvorgangs von ihm abweichen.[228]
Die Einschränkung, insofern beide Wünsche miteinander verträglich sind, enthält einen Hinweis
auf die möglichen Fälle, in denen die Funktion des Traums zum Scheitern gelangt. Der
Traumvorgang wird zunächst als Wunscherfüllung des Unbewußten zugelassen; wenn diese
versuchte Wunscherfüllung am Vorbewußten so intensiv rüttelt, daß dies seine Ruhe nicht mehr
bewahren kann, so hat der Traum das Kompromiß gebrochen, das andere Stück seiner Aufgabe
nicht mehr erfüllt. Er wird dann sofort abgebrochen und durch das volle Erwachen ersetzt. Es ist
eigentlich auch hier nicht die Schuld des Traums, wenn er, sonst Hüter des Schlafes, als Störer
desselben auftreten muß, und braucht uns gegen seine Zweckmäßigkeit nicht einzunehmen. Es ist
dies nicht der einzige Fall im Organismus, daß eine sonst zweckmäßige Einrichtung
unzweckmäßig und störend wird, sobald an den Bedingungen ihres Entstehens etwas geändert ist,
und dann dient die Störung wenigstens dem neuen Zweck, die Veränderung anzuzeigen und die
Regulierungsmittel des Organismus wider sie wachzurufen. Ich habe natürlich den Fall des
Angsttraumes im Auge, und um nicht dem Anscheine recht zu geben, daß ich diesem Zeugen
gegen die Theorie der Wunscherfüllung ausweiche, wo immer ich auf ihn stoße, will ich der
708
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin