Seite - 709 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Erklärung des Angsttraumes wenigstens mit Andeutungen näher treten.
Daß ein psychischer Vorgang, der Angst entwickelt, darum doch eine Wunscherfüllung sein
kann, enthält für uns längst keinen Widerspruch mehr. Wir wissen uns das Vorkommnis so zu
erklären, daß der Wunsch dem einen System, dem Ubw, angehört, während das System des Vbw
diesen Wunsch verworfen und unterdrückt hat[229]. Die Unterwerfung des Ubw durch das Vbw ist
auch bei völliger psychischer Gesundheit keine durchgreifende; das Maß dieser Unterdrückung
ergibt den Grad unserer psychischen Normalität. Neurotische Symptome zeigen uns an, daß sich
die beiden Systeme im Konflikt miteinander befinden, sie sind die Kompromißergebnisse dieses
Konflikts, die ihm ein vorläufiges Ende setzen. Sie gestatten einerseits dem Ubw einen Ausweg
für den Abfluß seiner Erregung, dienen ihm als Ausfallstor, und geben doch anderseits dem Vbw
die Möglichkeit, das Ubw einigermaßen zu beherrschen. Lehrreich ist es z.
B., die Bedeutung
einer hysterischen Phobie oder der Platzangst in Betracht zu ziehen. Ein Neurotiker sei unfähig,
allein über die Straße zu gehen, was wir mit Recht als »Symptom« anführen. Man hebe nun
dieses Symptom auf, indem man ihn zu dieser Handlung nötigt, für die er sich unfähig glaubt. Es
erfolgt dann ein Angstanfall, wie auch oft ein Angstanfall auf der Straße die Veranlassung für die
Herstellung der Platzangst geworden ist. Wir erfahren so, daß das Symptom konstituiert worden
ist, um den Ausbruch der Angst zu verhüten; die Phobie ist der Angst wie eine Grenzfestung
vorgelegt.
Unsere Erörterung läßt sich nicht weiterführen, wenn wir nicht auf die Rolle der Affekte bei
diesen Vorgängen eingehen, was aber hier nur unvollkommen möglich ist. Stellen wir also den
Satz auf, daß die Unterdrückung des Ubw vor allem darum notwendig wird, weil der sich selbst
überlassene Vorstellungsablauf im Ubw einen Affekt entwickeln würde, der ursprünglich den
Charakter der Lust hatte, aber seit dem Vorgang der Verdrängung den Charakter der Unlust trägt.
Die Unterdrückung hat den Zweck, aber auch den Erfolg, diese Unlustentwicklung zu verhüten.
Die Unterdrückung erstreckt sich auf den Vorstellungsinhalt des Ubw, weil vom
Vorstellungsinhalt her die Entbindung der Unlust erfolgen könnte. Eine ganz bestimmte
Annahme über die Natur der Affektentwicklung ist hier zugrunde gelegt. Dieselbe wird als eine
motorische oder sekretorische Leistung angesehen, zu welcher der Innervationsschlüssel in den
Vorstellungen des Ubw gelegen ist. Durch die Beherrschung von seiten des Vbw werden diese
Vorstellungen gleichsam gedrosselt, an der Aussendung der Affekt entwickelnden Impulse
gehemmt. Die Gefahr, wenn die Besetzung von seiten des Vbw aufhört, besteht also darin, daß
die unbewußten Erregungen solchen Affekt entbinden, der – infolge der früher stattgehabten
Verdrängung – nur als Unlust, als Angst, verspürt werden kann.
Diese Gefahr wird durch das Gewährenlassen des Traumvorganges entfesselt. Die Bedingungen
für deren Realisierung liegen darin, daß Verdrängungen stattgefunden haben und daß die
unterdrückten Wunschregungen stark genug werden können. Sie stehen also ganz außerhalb des
psychologischen Rahmens der Traumbildung. Wäre es nicht, daß unser Thema durch dies eine
Moment, die Befreiung des Ubw während des Schlafs, mit dem Thema der Angstentwicklung
zusammenhinge, so könnte ich auf die Besprechung des Angsttraumes verzichten und mir alle
ihm anhängenden Dunkelheiten hier ersparen.
Die Lehre vom Angsttraum gehört, wie ich schon wiederholt ausgesprochen habe, in die
Neurosenpsychologie. Wir haben weiter nichts mit ihr zu schaffen, nachdem wir einmal ihre
Berührungsstelle mit dem Thema des Traumvorgangs aufgezeigt haben. Ich kann nur noch eines
tun. Da ich behauptet habe, daß die neurotische Angst aus sexuellen Quellen stammt, kann ich
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin