Seite - 711 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Beziehung der Eltern und seinem Verhältnis zu seinem jüngeren Bruder eine Analogie hergestellt
hatte. Er subsumierte, was bei den Eltern vorfiel, unter den Begriff: Gewalttat und Rauferei. Ein
Beweis für diese Auffassung war ihm, daß er oft Blut im Bette der Mutter bemerkt habe.
Daß der sexuelle Verkehr Erwachsener den Kindern, die ihn bemerken, unheimlich vorkommt
und Angst in ihnen erweckt, ist, möchte ich sagen, Ergebnis der täglichen Erfahrung. Ich habe für
diese Angst die Erklärung gegeben, daß es sich um eine sexuelle Erregung handelt, die von ihrem
Verständnis nicht bewältigt wird, auch wohl darum auf Ablehnung stößt, weil die Eltern in sie
verflochten sind, und die darum sich in Angst verwandelt. In einer noch früheren Lebensperiode
stößt die sexuelle Regung für den gegengeschlechtlichen Teil des Elternpaares noch nicht auf
Verdrängung und äußert sich frei, wie wir gehört haben (S. 260
ff.).
Auf die bei Kindern so häufigen nächtlichen Angstanfälle mit Halluzinationen (den pavor
nocturnus) würde ich dieselbe Erklärung unbedenklich anwenden. Es kann sich auch da nur um
unverstandene und abgelehnte sexuelle Regungen handeln, bei deren Aufzeichnung sich auch
wahrscheinlich eine zeitliche Periodizität herausstellen würde, da eine Steigerung der sexuellen
Libido ebensowohl durch zufällige erregende Eindrücke als auch durch die spontanen,
schubweise eintreffenden Entwicklungsvorgänge erzeugt werden kann.
Mir fehlt es an dem erforderlichen Beobachtungsmaterial, um diese Erklärung
durchzuführen[230]. Den Kinderärzten scheint es dagegen an dem Gesichtspunkte zu fehlen, der
allein das Verständnis der ganzen Reihe von Phänomenen sowohl nach der somatischen als auch
nach der psychischen Seite gestattet. Als ein komisches Beispiel, wie nahe man, durch die
Scheuklappen der medizinischen Mythologie geblendet, am Verständnis solcher Fälle
vorbeigehen kann, möchte ich den Fall anführen, den ich in der These über den pavor nocturnus
von Debacker (1881, 66) gefunden habe.
Ein dreizehnjähriger Knabe von schwacher Gesundheit begann ängstlich und verträumt zu
werden, sein Schlaf wurde unruhig und fast jede Woche einmal durch einen schweren Anfall von
Angst mit Halluzinationen unterbrochen. Die Erinnerung an diese Träume war immer sehr
deutlich. Er konnte also erzählen, daß der Teufel ihn angeschrien habe: Jetzt haben wir dich, jetzt
haben wir dich, und dann roch es nach Pech und Schwefel, und das Feuer verbrannte seine Haut.
Aus diesem Traum schreckte er dann auf, konnte zuerst nicht schreien, bis die Stimme frei wurde
und man ihn deutlich sagen hörte: »Nein, nein, nicht mich, ich hab’ ja nichts getan«, oder auch:
»Bitte, nicht, ich werd’ es nie mehr tun.« Einige Male sagte er auch: »Albert hat das nicht getan.«
Er vermied es später, sich auszukleiden, »weil das Feuer ihn nur ergreife, wenn er ausgekleidet
sei«. Mitten aus diesen Teufelsträumen, die seine Gesundheit in Gefahr brachten, wurde er aufs
Land geschickt, erholte sich dort im Verlaufe von eineinhalb Jahren und gestand dann einmal,
fünfzehn Jahre alt: »Je n’osais pas l’avouer, mais j’éprouvals continuellement des picotements et
des surexcitations aux parties[231], à la fin, cela m’énervait tant que plusieurs fois, j’ai pensé me
jeter par la fenêtre du dortoir.«
Es ist wahrlich nicht schwer zu erraten, 1) daß der Knabe in früheren Jahren masturbiert, es
wahrscheinlich geleugnet hatte und mit schweren Strafen für seine Unart bedroht worden war.
(Sein Geständnis: Je ne le ferai plus; sein Leugnen: Albert n’a jamais fait ca); 2) daß unter dem
Andrang der Pubertät die Versuchung zu masturbieren in dem Kitzel an den Genitalien wieder
erwachte; daß aber jetzt 3) ein Verdrängungskampf in ihm losbrach, der die Libido unterdrückte
und sie in Angst verwandelte, welche Angst nachträglich die damals angedrohten Strafen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin