Seite - 715 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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haben wir in vollem Umfange anerkannt, aber ihnen gleichsam eine andere Lokalität im Problem
anweisen müssen. Nicht der Traum bildet die Phantasie, sondern an der Bildung der
Traumgedanken hat die unbewußte Phantasietätigkeit den größten Anteil. Wir bleiben Scherner
für den Hinweis auf die Quelle der Traumgedanken verpflichtet; aber fast alles, was er der
Traumarbeit zuschreibt, ist der Tätigkeit des bei Tag regsamen Unbewußten zuzurechnen, welche
die Anregungen für die Träume nicht minder ergibt als die für die neurotischen Symptome. Die
Traumarbeit mußten wir von dieser Tätigkeit als etwas gänzlich Verschiedenes und weit mehr
Gebundenes absondern. Endlich haben wir die Beziehung des Traums zu den Seelenstörungen
keineswegs aufgegeben, sondern sie auf neuem Boden fester begründet.
Durch das Neue in unserer Traumlehre wie durch eine höhere Einheit zusammengehalten, finden
wir also die verschiedenartigsten und widersprechendsten Ergebnisse der Autoren unserem
Gebäude eingefügt, manche derselben anders gewendet, nur wenige gänzlich verworfen. Aber
auch unser Aufbau ist noch unfertig. Von den vielen Unklarheiten abgesehen, die wir durch unser
Vordringen in das Dunkel der Psychologie auf uns gezogen haben, scheint auch noch ein neuer
Widerspruch uns zu bedrücken. Wir haben einerseits die Traumgedanken durch völlig normale
geistige Arbeit entstehen lassen, anderseits aber eine Reihe von ganz abnormen Denkvorgängen
unter den Traumgedanken, und von ihnen aus zum Trauminhalt, aufgefunden, welche wir dann
bei der Traumdeutung wiederholen. Alles, was wir die »Traumarbeit« geheißen haben, scheint
sich von den uns als korrekt bekannten Vorgängen so weit zu entfernen, daß die härtesten Urteile
der Autoren über die niedrige psychische Leistung des Träumens uns wohl angebracht dünken
müssen.
Hier schaffen wir vielleicht nur durch noch weiteres Vordringen Aufklärung und Abhilfe. Ich
will eine der Konstellationen herausgreifen, die zur Traumbildung führen:
Wir haben erfahren, daß der Traum eine Anzahl von Gedanken ersetzt, die aus unserem
Tagesleben stammen und vollkommen logisch gefügt sind. Wir können darum nicht bezweifeln,
daß diese Gedanken unserem normalen Geistesleben entstammen. Alle Eigenschaften, welche
wir an unseren Gedankengängen hochschätzen, durch welche sie sich als komplizierte Leistungen
hoher Ordnung kennzeichnen, finden wir an den Traumgedanken wieder. Es besteht aber keine
Nötigung anzunehmen, daß diese Gedankenarbeit während des Schlafes vollzogen wurde, was
unsere bisher festgehaltene Vorstellung vom psychischen Schlafzustand arg beirren würde. Diese
Gedanken können vielmehr sehr wohl vom Tage stammen, sich von ihrem Anstoß an, unserem
Bewußtsein unbemerkt, fortgesetzt haben und fanden sich dann mit dem Einschlafen als fertig
vor. Wenn wir aus dieser Sachlage etwas entnehmen sollen, so ist es höchstens der Beweis, daß
die kompliziertesten Denkleistungen ohne Mittun des Bewußtseins möglich sind, was wir
ohnedies aus jeder Psychoanalyse eines Hysterischen oder einer Person mit Zwangsvorstellungen
erfahren mußten. Diese Traumgedanken sind an sich sicherlich nicht bewußtseinsunfähig; wenn
sie uns tagsüber nicht bewußt worden sind, so mag dies verschiedene Gründe haben. Das
Bewußtwerden hängt mit der Zuwendung einer bestimmten psychischen Funktion, der
Aufmerksamkeit, zusammen, die, wie es scheint, nur in bestimmter Quantität aufgewendet wird,
welche von dem betreffenden Gedankengang durch andere Ziele abgelenkt sein mochte. Eine
andere Art, wie solche Gedankengänge dem Bewußtsein vorenthalten werden können, ist
folgende: Von unserem bewußten Nachdenken her wissen wir, daß wir bei Anwendung der
Aufmerksamkeit einen bestimmten Weg verfolgen. Kommen wir auf diesem Wege an eine
Vorstellung, welche der Kritik nicht standhält, so brechen wir ab; wir lassen die
Aufmerksamkeitsbesetzung fallen. Es scheint nun, daß der begonnene und verlassene
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin