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versehene Vorstellungen gebildet werden. Indem sich dieser Vorgang mehrmals wiederholt, kann
die Intensität eines ganzen Gedankenzugs schließlich in einem einzigen Vorstellungselement
gesammelt sein. Dies ist die Tatsache der Kompression oder Verdichtung, die wir während der
Traumarbeit kennengelernt haben. Sie trägt die Hauptschuld an dem befremdenden Eindruck des
Traums, denn etwas ihr Analoges ist uns aus dem normalen und dem Bewußtsein zugänglichen
Seelenleben ganz unbekannt. Wir haben auch hier Vorstellungen, die als Knotenpunkte oder als
Endergebnisse ganzer Gedankenketten eine große psychische Bedeutung besitzen, aber diese
Wertigkeit äußert sich in keinem für die innere Wahrnehmung sinnfälligen Charakter; das in ihr
Vorgestellte wird darum in keiner Weise intensiver. Im Verdichtungsvorgang setzt sich aller
psychische Zusammenhang in die Intensität des Vorstellungsinhalts um. Es ist der nämliche Fall,
wie wenn ich in einem Buch ein Wort, dem ich einen überragenden Wert für die Auffassung des
Textes beilege, gesperrt oder fett drucken lasse. In der Rede würde ich dasselbe Wort laut und
langsam sprechen und nachdrücklich betonen. Das erstere Gleichnis führt unmittelbar zu einem
der Traumarbeit entlehnten Beispiele (Trimethylamin im Traum von Irmas Injektion). Die
Kunsthistoriker machen uns darauf aufmerksam, daß die ältesten historischen Skulpturen ein
ähnliches Prinzip befolgen, indem sie die Ranggröße der dargestellten Personen durch die
Bildgröße zum Ausdruck bringen. Der König wird zwei- oder dreimal so groß gebildet als sein
Gefolge oder der überwundene Feind. Ein Bildwerk aus der Römerzeit wird sich zu demselben
Zweck feinerer Mittel bedienen. Es wird die Figur des Imperators in die Mitte stellen, ihn hoch
aufgerichtet zeigen, besondere Sorgfalt auf die Durchbildung seiner Gestalt verwenden, die
Feinde zu seinen Füßen legen, ihn aber nicht mehr als Riesen unter Zwergen erscheinen lassen.
Indes ist die Verbeugung des Untergebenen vor seinem Vorgesetzten in unserer Mitte noch heute
ein Nachklang jenes alten Darstellungsprinzips.
Die Richtung, nach welcher die Verdichtungen des Traumes fortschreiten, ist einerseits durch die
korrekten vorbewußten Relationen der Traumgedanken, anderseits durch die Anziehung der
visuellen Erinnerungen im Unbewußten vorgeschrieben. Der Erfolg der Verdichtungsarbeit
erzielt jene Intensitäten, die zum Durchbruch gegen die Wahrnehmungssysteme erfordert werden.
2) Es werden wiederum durch freie Übertragbarkeit der Intensitäten und im Dienste der
Verdichtung Mittelvorstellungen gebildet, Kompromisse gleichsam (vgl. die zahlreichen
Beispiele). Gleichfalls etwas Unerhörtes im normalen Vorstellungsablauf, bei dem es vor allem
auf die Auswahl und Festhaltung des »richtigen« Vorstellungselements ankommt. Dagegen
ereignen sich Misch- wie Kompromißbildungen außerordentlich häufig, wenn wir für die
vorbewußten Gedanken den sprachlichen Ausdruck suchen, und werden als Arten des
»Versprechens« angeführt.
3) Die Vorstellungen, die einander ihre Intensitäten übertragen, stehen in den lockersten
Beziehungen zueinander und sind durch solche Arten von Assoziationen verknüpft, welche von
unserem Denken verschmäht und nur dem witzigen Effekt zur Ausnützung überlassen werden.
Insbesondere gelten Gleichklangs- und Wortlautassoziationen als den anderen gleichwertig.
4) Einander widersprechende Gedanken streben nicht danach, einander aufzuheben, sondern
bestehen nebeneinander, setzen sich oft, als ob kein Widerspruch bestünde, zu
Verdichtungsprodukten zusammen oder bilden Kompromisse, die wir unserem Denken nie
verzeihen würden, in unserem Handeln aber oft gutheißen.
Dies wären einige der auffälligsten abnormen Vorgänge, denen im Laufe der Traumarbeit die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin