Seite - 719 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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empfunden wird und den Apparat in Tätigkeit versetzt, um das Befriedigungsergebnis, bei dem
die Verringerung der Erregung als Lust verspürt wird, wieder herbeizuführen. Eine solche, von
der Unlust ausgehende, auf die Lust zielende Strömung im Apparat heißen wir einen Wunsch;
wir haben gesagt, nichts anderes als ein Wunsch sei imstande, den Apparat in Bewegung zu
bringen, und der Ablauf der Erregung in ihm werde automatisch durch die Wahrnehmungen von
Lust und Unlust geregelt. Das erste Wünschen dürfte ein halluzinatorisches Besetzen der
Befriedigungserinnerung gewesen sein. Diese Halluzination erwies sich aber, wenn sie nicht bis
zur Erschöpfung festgehalten werden sollte, als untüchtig, das Aufhören des Bedürfnisses, also
die mit der Befriedigung verbundene Lust, herbeizuführen.
Es wurde so eine zweite Tätigkeit – in unserer Ausdrucksweise die Tätigkeit eines zweiten
Systems – notwendig, welche nicht gestattete, daß die Erinnerungsbesetzung zur Wahrnehmung
vordringe und von dort aus die psychischen Kräfte binde, sondern die vom Bedürfnisreiz
ausgehende Erregung auf einen Umweg leite, der endlich über die willkürliche Motilität die
Außenwelt so verändert, daß die reale Wahrnehmung des Befriedigungsobjekts eintreten kann.
So weit haben wir das Schema des psychischen Apparats bereits verfolgt; die beiden Systeme
sind der Keim zu dem, was wir als Ubw und Vbw in den voll ausgebildeten Apparat einsetzen.
Um die Außenwelt zweckmäßig durch die Motilität verändern zu können, bedarf es der
Anhäufung einer großen Summe von Erfahrungen in den Erinnerungssystemen und einer
mannigfachen Fixierung der Beziehungen, die durch verschiedene Zielvorstellungen in diesem
Erinnerungsmaterial hervorgerufen werden. Wir gehen nun in unseren Annahmen weiter. Die
vielfach tastende, Besetzungen aussendende und wieder einziehende Tätigkeit des zweiten
Systems bedarf einerseits der freien Verfügung über alles Erinnerungsmaterial; anderseits wäre es
überflüssiger Aufwand, wenn sie große Besetzungsquantitäten auf die einzelnen Denkwege
schickte, die dann unzweckmäßig abströmen und die für die Veränderung der Außenwelt
notwendige Quantität verringern würden. Der Zweckmäßigkeit zuliebe postuliere ich also, daß es
dem zweiten System gelingt, die Energiebesetzungen zum größeren Anteil in Ruhe zu erhalten
und nur einen kleineren Teil zur Verschiebung zu verwenden. Die Mechanik dieser Vorgänge ist
mir ganz unbekannt; wer mit diesen Vorstellungen Ernst machen wollte, müßte die
physikalischen Analogien heraussuchen und sich einen Weg zur Veranschaulichung des
Bewegungsvorgangs bei der Neuronerregung bahnen. Ich halte nur an der Vorstellung fest, daß
die Tätigkeit des ersten ψ-Systems auf freies Abströmen der Erregungsquantitäten gerichtet ist
und daß das zweite System durch die von ihm ausgehenden Besetzungen eine Hemmung dieses
Abströmens, eine Verwandlung in ruhende Besetzung, wohl unter Niveauerhöhung, herbeiführt.
Ich nehme also an, daß der Ablauf der Erregung unter der Herrschaft des zweiten Systems an
ganz andere mechanische Verhältnisse geknüpft wird als unter der Herrschaft des ersten. Hat das
zweite System seine probende Denkarbeit beendigt, so hebt es auch die Hemmung und Stauung
der Erregungen auf und läßt dieselben zur Motilität abfließen.
Es ergibt sich nun eine interessante Gedankenfolge, wenn man die Beziehungen dieser
Abflußhemmung durch das zweite System zur Regulierung durch das Unlustprinzip ins Auge
faßt. Suchen wir uns das Gegenstück zum primären Befriedigungserlebnis auf, das äußere
Schreckerlebnis. Es wirke ein Wahrnehmungsreiz auf den primitiven Apparat ein, der die Quelle
einer Schmerzerregung ist. Es werden dann so lange ungeordnete motorische Äußerungen
erfolgen, bis eine derselben den Apparat der Wahrnehmung und gleichzeitig dem Schmerz
entzieht, und diese wird bei Wiederauftreten der Wahrnehmung sofort wiederholt werden (etwa
als Fluchtbewegung), bis die Wahrnehmung wieder verschwunden ist. Es wird aber hier keine
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin