Seite - 720 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Neigung übrigbleiben, die Wahrnehmung der Schmerzquelle halluzinatorisch oder anderswie
wiederzubesetzen. Vielmehr wird im primären Apparat die Neigung bestehen, dies peinliche
Erinnerungsbild sofort, wenn es irgendwie geweckt wird, wieder zu verlassen, weil ja das
Überfließen seiner Erregung auf die Wahrnehmung Unlust hervorrufen würde (genauer:
hervorzurufen beginnt). Die Abwendung von der Erinnerung, die nur eine Wiederholung der
einstigen Flucht vor der Wahrnehmung ist, wird auch dadurch erleichtert, daß die Erinnerung
nicht wie die Wahrnehmung genug Qualität besitzt, um das Bewußtsein zu erregen und hiedurch
neue Besetzung an sich zu ziehen. Diese mühelos und regelmäßig erfolgende Abwendung des
psychischen Vorgangs von der Erinnerung des einst Peinlichen gibt uns das Vorbild und das erste
Beispiel der psychischen Verdrängung. Es ist allgemein bekannt, wieviel von dieser Abwendung
vom Peinlichen, von der Taktik des Vogels Strauß, noch im normalen Seelenleben des
Erwachsenen nachweisbar geblieben ist.
Zufolge des Unlustprinzips ist das erste ψ-System also überhaupt unfähig, etwas Unangenehmes
in den Denkzusammenhang zu ziehen. Das System kann nichts anderes als wünschen. Bliebe es
so, so wäre die Denkarbeit des zweiten Systems gehindert, welches die Verfügung über alle in
der Erfahrung niedergelegten Erinnerungen braucht. Es eröffnen sich nun zwei Wege; entweder
macht sich die Arbeit des zweiten Systems vom Unlustprinzip völlig frei, setzt ihren Weg fort,
ohne sich um die Erinnerungsunlust zu kümmern; oder sie versteht es, die Unlusterinnerung in
solcher Weise zu besetzen, daß die Unlustentbindung dabei vermieden wird. Wir können die erste
Möglichkeit zurückweisen, denn das Unlustprinzip zeigt sich auch als Regulator für den
Erregungsablauf des zweiten Systems; somit werden wir auf die zweite gewiesen, daß dies
System eine Erinnerung so besetzt, daß der Abfluß von ihr gehemmt wird, also auch der einer
motorischen Innervation vergleichbare Abfluß zur Entwicklung der Unlust. Zur Hypothese, daß
die Besetzung durch das zweite System gleichzeitig eine Hemmung für den Abfluß der Erregung
darstellt, werden wir also von zwei Ausgangspunkten her geleitet, von der Rücksicht auf das
Unlustprinzip und von dem Prinzip des kleinsten Innervationsaufwands. Halten wir aber daran
fest – es ist der Schlüssel zur Verdrängungslehre –, daß das zweite System nur dann eine
Vorstellung besetzen kann, wenn es imstande ist, die von ihr ausgehende Unlustentwicklung zu
hemmen. Was sich etwa dieser Hemmung entzöge, bliebe auch für das zweite System
unzugänglich, würde dem Unlustprinzip zufolge alsbald verlassen werden. Die Hemmung der
Unlust braucht indes keine vollständige zu sein; ein Beginn derselben muß zugelassen werden, da
es dem zweiten System die Natur der Erinnerung und etwa deren mangelnde Eignung für den
vom Denken gesuchten Zweck anzeigt.
Den psychischen Vorgang, welchen das erste System allein zuläßt, werde ich jetzt
Primärvorgang nennen; den, der sich unter der Hemmung des zweiten ergibt, Sekundärvorgang.
Ich kann noch an einem anderen Punkte zeigen, zu welchem Zwecke das zweite System den
Primärvorgang korrigieren muß. Der Primärvorgang strebt nach Abfuhr der Erregung, um mit der
so gesammelten Erregungsgröße eine Wahrnehmungsidentität herzustellen; der Sekundärvorgang
hat diese Absicht verlassen und an ihrer Statt die andere aufgenommen, eine Denkidentität zu
erzielen. Das ganze Denken ist nur ein Umweg von der als Zielvorstellung genommenen
Befriedigungserinnerung bis zur identischen Besetzung derselben Erinnerung, die auf dem Wege
über die motorischen Erfahrungen wieder erreicht werden soll. Das Denken muß sich für die
Verbindungswege zwischen den Vorstellungen interessieren, ohne sich durch die Intensitäten
derselben beirren zu lassen. Es ist aber klar, daß die Verdichtungen von Vorstellungen, Mittel-
und Kompromißbildungen in der Erreichung dieses Identitätsziels hinderlich sind; indem sie die
eine Vorstellung für die andere setzen, lenken sie vom Wege ab, der von der ersteren
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin